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21.03.2017 12:13 Alter: 2 yrs

25. Spieltag der Fußball-Bundesliga, FC Augsburg gegen SC Freiburg

Samstag, 18. März 2017, 15.30 Uhr * WWK-Arena, Augsburg * FC Augsburg gegen SC Freiburg


Rückblende

Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim. Ich bin vor Ort und fühle mich unwohl. Schmerzen im Oberbauch, eine latente Übelkeit, ich werfe zwei Buscopan-Tabletten ein. Ich weiß, normaler Weise helfen die. Es kommt aber anders. Schmerzen und Übelkeit werden immer größer. Als ich nach dem PK-Ende vom Stadiongelände fahre, will ich zu meiner Hausärztin nach Bad Krozingen. „Wenn ich Pech habe, erreiche ich die erst ab 16 Uhr“, denke ich und weiß zugleich, dass das problematisch werden könnte. In der Freiburger Innenstadt nehme ich spontan Kurs auf das RKK-Klinikum St. Josefskrankenhaus, wo unsere beiden Kleinen geboren wurden. Ich ahne, dass es da eine Notfallambulanz geben muss. Ich spüre, dass ich Hilfe brauche. Mehr schlecht als recht parke ich vor der Klinik ein, schaffe es gerade noch aus dem Auto heraus und muss mich voller Inbrunst übergeben. Am Donnerstag, 9. März, gegen 13.30 Uhr betrete ich die Klinik, nicht ahnend, dass ich sie erst exakt eine Woche später, am Donnerstag, 16. März, in etwa zur gleichen Zeit, wieder verlassen sollte.

Schon bald nach meiner Ankunft, liege ich am Tropf und mit Dauer-EKG unter ständiger Beobachtung auf der sogenannten Überwachungsstation. Die Untersuchungen ergeben eine „akute Pankreatitis“ – also eine durch einen wandernden und dann steckengebliebenen Gallenstein ausgelöste Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Ein Befund, der tödlich enden kann. Ich habe Glück – ganz so dramatisch wird es nicht. Furchtbar schmerzhaft und unangenehm wird es schon. Am Samstag, 11. März, ist ein Tiefpunkt. Körperlich und seelisch. Erstmal seit 23 Jahren verpasse ich ein SC-Spiel, dass ich eigentlich im Radio übertragen soll. Über das iPhone verfolge ich, wie mein junger Vertreter David Zastrow sich an meiner Stelle aus dem Stadion meldet. Er macht das gut, stelle ich fest. Viel mehr kann ich kaum wahrnehmen, da mir zeitgleich zum Anpfiff eine Magensonde gelegt wird, um den Magen von Gallensäften zu befreien und mir dann Astronautennahrung zuzuführen. Seit Donnerstag hatte ich Nulldiät. Ich bin am Boden. Am Abend teile ich den Ärzten mit, dass ich erstmals seit meiner Aufnahme so etwas wie Appetit verspürt habe. Ich versuche sie zu überzeugen, mir die Sonde wieder zu entfernen. Ich empfinde den Schlauch, der durch die Nase bis in den Magen führt als extrem unangenehm. Wider Erwarten wird mein Flehen erhört. Das Herausziehen des Schlauchs ist ähnlich unangenehm wie das Einführen war. Auch mein Stimmapparat bekommt dabei etwas ab, aber am Samstagabend ist die Sonde wieder draußen und ich löffele eine heiße Brühe. Am Sonntag werde ich auf die Normalstation verlegt. Am Montag teilt mir der Professor, der die Abteilung als Chefarzt leitet mit, dass meine Blutwerte seit Sonntag eine Tendenzwende dokumentieren, dass es jetzt besser wird. Am Dienstag, stellt er meine Entlassung für Donnerstag in Aussicht.

Längst habe ich den Plan, am Wochenende nach Augsburg zu fahren und den SC als baden.fm-Reporter zu begleiten. Ich finde einen Zug, mit dem ich stressfrei und ohne umzusteigen von Bad Krozingen bis Augsburg fahren kann, buche ein Erste-Klasse-Ticket und ein Hotel direkt am Bahnhof in Augsburg.

Die Nächte sind schrecklich. Entweder wälze ich mich schlaflos hin  und her, grübele und zähle die Minuten und Stunden oder ich schlafe kurz ein und beginne zu halluzinieren. Jede Nacht das gleiche Spiel. Furchtbar. Noch immer bekomme ich große Mengen Schmerzmittel verabreicht – vermutlich sind das die Nebenwirkungen.

Am Mittwoch kommt in Vertretung des Chefarztes der Oberarzt zur Visite. Er stellt als Erstes meinen Entlassungstermin in Frage und will zuvor höchst persönlich noch einmal ein Ultraschall bei mir durchführen. Ich schiebe Panik, denn ich bin – schon wegen der Augsburg-Planung und der für mich  fast unerträglichen Krankenhausnächte total auf die Entlassung am Donnerstag fokussiert. Am Ende des Ultraschalls am selben Nachmittag gibt auch der Oberarzt grünes Licht für meine Entlassung am nächsten Tag.

Am Donnerstag, 16. März, teilt mir der Chefarzt bei der Visite mit, dass sich alle Werte super entwickelt hätten und dass es keine Bedenken mehr gäbe, mich am Freitag zu entlassen. Freundlich aber bestimmt weise ich darauf hin, dass immer von Donnerstag die Rede gewesen war und dass die voll gepackte hummel-Tasche am Boden mein ganzes Hab und Gut enthalte und nur noch hinausgetragen werden wolle. Der Professor - wollte er mich eigentlich nur auf den Arm nehmen? - macht ein paar kleine Witze, die Assistenzärztin wirft sachlich ein, sie könne den Arztbrief für meine Hausärztin durchaus noch fertig machen. Der Professor ist einverstanden. Ich darf gehen...  Auf Wiedersehen übrigens im Mai, denn nach Abklingen der Entzündungen in meinem Bauchraum soll mir operativ die Gallenblase entfernt werden, in der noch eine Reihe von Steinen lagern – gerade so wie zuvor der Stein, der die ganze unangenehme Sache bei mir ausgelöst hatte.

Am Donnerstag, 16. März, gegen 13.30 Uhr verlasse ich das St. Josefskrankenhaus; auf dem Weg der Besserung aber tatsächlich unendlich schwach und wackelig auf den Beinen. Mein Kräftehaushalt muss nach den Schmerzen, der tagelangen Nulldiät gefolgt von Schonkost in kleinen Mengen und nicht zuletzt der psychischen Belastung der vergangenen Woche, langsam wieder aufgebaut werden. Am Nachmittag bin ich glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein.

Der 24. Bundesligaspieltag mit dem Kick gegen Hoffenheim ist fast spurlos an mir vorübergegangen. Er wird auch in meiner Tagebuchchronik eine klaffende Lücke hinterlassen.

 

Das Vorspiel

Obwohl meine Stimme in Folge der Spuren, die die Magensonde in meinem Halsraum hinterlassen hat, etwas angeschlagen ist, gelingt es mir am Donnerstagabend mit viel Räuspern zwischen den einzelnen Takes, die Antworten auf die bekannten Fragen für den Fußballtalk am Freitagmorgen in der baden.fm-Morgenshow mit klarer Stimme und in gewohnter Professionalität aufzuzeichnen und ans Studio zu mailen. Das macht mir Freude und Mut für den Reportereinsatz am Samstag.

Am Freitag telefoniere ich mit Hans aus Bremerhaven, einem einstigen Kollegen vom Funkhaus Freiburg und berichte ihm von meinen Malaisen der letzten Tage. Hans weiß zu meiner Überraschung genau, was eine Pankreatitis ist und erzählt mir, dass unser gemeinsamer Hamburger Freund und Kollege Mario Martens vor zehn Jahren genau daran gestorben sei. Für mich war das eine Schocknachricht. Wenn ein Arzt sagt, eine Krankheit könne tödlich verlaufen, ist das… ja,... links rein, rechts raus. Bla Bla halt. Wenn es aber plötzlich ein dramatisches und authentisches Beispiel aus dem näheren Umfeld gibt, sieht das ganz anders aus. Mario Martens hatte einst eine der besten Werbestimmen in Deutschland. In der bundesweiten Fernsehwerbung sagte er mit seiner schweren Stimme so prägende Worte wie „Das ist kein Jim Beam“ oder „Wie das Land, so das Jever“. Zudem war Mario aber ein Pionier des privaten Hörfunks in Norddeutschland und nach der Jahrtausendwende irgendwann auch die Stationvoice von Antenne Südbaden, dem heutigen baden.fm. Später wurde Mario sogar offizieller Programmberater unseres Senders. Mit mir als damaligem Chefredakteur arbeitete er eng zusammen, wir verstanden uns prima, vertrauten und schätzten uns gegenseitig. Marios Vorschlag war es auch, dass ich zusätzlich zum Fußball und zur Chefrolle als Moderator die Morningshow übernehmen sollte, die ich dann etwa vier Jahre prägen sollte. Der Mann mit der Wahnsinnsstimme war aber fern der professionellen Kontakte auch ein sehr feinfühliger, sanfter und guter Mensch. Wir tauschten auch vieles Privates aus. Unsere Wege gingen irgendwann leider wieder auseinander. Trotzdem war ich tief geschockt und traurig als ich ein paar Jahre später, im Frühjahr 2007 erfuhr, dass Mario Martens „nach kurzer, schwerer Krankheit“ 52-jährig verstorben sei. Und jetzt, 2017, erfuhr ich, Mario hatte genau das, was mich vor zwei Wochen umgeworfen hatte. Ich hatte offenbar nur ein bisschen mehr Glück gehabt, war noch nicht zum Gehen bestimmt. Gänsehaut.

Am Samstagmorgen fuhr ich die 350 Meter von unserem Reihenhaus im Kurgarten zum Bahnhof Bad Krozingen mit dem Auto. Ich war tatsächlich nach wie vor ziemlich kraftlos und wollte jede Anstrengung vermeiden. Als ich dann auf meinem Erster-Klasse-Platz (buche ich sonst nie) im Intercity saß, spürte ich, dass es genau richtig war, was ich machte. Es würde mir gut tun, in Augsburg dabei- und einfach wieder in der „Umlaufbahn“ zu sein.

Die Geschichte mit Mario Martens verarbeitete ich während der langen Fahrt mit einem Facebook-Post, in dem ich mich abschließend für die exzellente Arbeit des Ärzte- und Pflegeteams des RKK-Klinikums St. Josefskrankenhaus bedankte. Vielleicht hatte ich dafür die richtigen Worte gefunden, denn meines Wissens habe ich nie mehr „Likes“ für ein FB-Post erhalten als für diese sehr ernsthaften und persönlichen Einlassungen.

Im Hotel Riegele in Augsburg erhielt ich den vorbestellten Früh-Check-In und konnte mich von den zugegebener Weise überschaubaren Reisestrapazen erholen. Ein, zwei Stündchen döste ich auf dem Bett liegend. Da ich wusste, wie drittklassig das Journalistencatering im Augsburger Stadion ist, hatte ich beschlossen, im Hotel-Restaurant etwas Leichtes zu Mittag zu essen. Als ich mit dem Fahrstuhl hinunter fahren wollte, stieg ein gerade angekommener neuer Gast aus dem Lift: BZ-Redakteur René Kübler stand plötzlich vor mir. So klein ist die Welt bzw. Augsburg… Wir aßen schließlich gemeinsam und fuhren dann auch zusammen mit dem Taxi zum Stadion. Alles klappte super. Meine körperliche Schwäche kam nicht wirklich zum Tragen. Schon bei den ersten Einblendungen in der baden.fm-Bundesligashow merkte ich allerdings, dass mein von der Magensonde angegriffener  Stimmapparat Probleme bereitete. Das klang gar nicht gut...  Ich hoffe, es war für die Hörer nicht allzu schlimm…

 

Das Fußballspiel (Mein 860. SC-Livespiel)

Ähnlich unrund wie meine lädierte Stimme lief auch das Fußballspiel auf dem Augsburger Rasen. Der FCA spielte „Bauernfußball“ – lange hohe Bälle und auf sie mit Gebrüll. Harte Zweikämpfe prägten das Geschehen; nicht immer im Rahmen des Erlaubten. Am Ende der Begegnung waren fünf verletzungsbedingte Auswechslungen zu konstatieren – drei beim FCA, Höfler und Kübler beim SCF. Ein schöner Kick war es wirklich nicht aber immerhin ließ sich unser SC diesmal nicht die Wurst vom Brot nehmen, ließ sich nicht einschüchtern, sondern hielt zum Teil erfolgreich dagegen. Das eigene Freiburger Spiel, schneller hochklassiger Kombinationsfußball, kam nur allzu selten zum Tragen. In der 29. Minute blitzte aber so etwas auf: Balleroberung, schnelles Umschaltspiel, ticki-tacki-mäßig landet der Ball, zuletzt vom gut aufgelegten Haberer gespielt, vor den Füßen von Mike Frantz. Der erfahrene Saarländer umkurvt Torwart Marvin Hitz und wird vom Schweizer von den Beinen geholt , ohne das dieser eine Chance gehabt hätte, an den Ball zu kommen. Elfmeter! Klar! Rot! …Nein.  Schiedsrichter Stegemann unterstellte dem Keeper, sich im Kampf um den Ball befunden zu haben. Eine Fehleinschätzung aber sei es drum. Hitz sah Gelb und Florian Niederlechner knallte den Ball vom Punkt aus ins Netz. Die 0:1-Führung in der 30. Minute. Leider hatte sie nur sechs Minuten Bestand. In der 36. Minute ließ Kübler, der mir an diesem Samstag schon ein paar Mal mit Hibbeligkeiten und wenig souverän aufgefallen war, seinen Gegenspieler völlig unbedrängt zum Kopfball hochsteigen. Konstantinus Stafylidis, der griechische Innenverteidiger des FCA ließ sich nicht zweimal bitten und köpfte den Ball unbedrengt ins Freiburger Netz. 1:1 – der Halbzeitstand, der Endstand. In der zweiten Hälfte sollte nicht mehr viel passieren. Torszenen waren eh Mangelware, schöne Spielpassagen auch. Das Erfreulichste am Ende: Der SC konnte einen Zähler mitnehmen – den 35. Punkt der laufenden Bundesligasasison.

 

Das Nachspiel

Julian Schuster und Mike Frantz standen mir nach dem Spiel Rede und Antwort. Dann noch die PK mit Christian Streich und schon saßen BZ-Kübler und ich wieder im Taxi. Ich spürte, dass ich am Ende meiner Kräfte und trotzdem glücklich war in Augsburg dabei gewesen zu sein. Ich hoffte inständig, dass meine angeschlagene Stimme die Hörer nicht allzu sehr genervt hatte. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit dem Kollegen zogen wir uns auf unsere Hotelzimmer zurück, um Christian Streich im Aktuellen Sportstudio zu verfolgen. Ich bin dabei eingeschlafen, was nicht etwa mit dem Gespräch sondern ausschließlich mit meinem körperlichen Zustand zusammenhing.

Am Sonntag ging es schon früh heim und dort auf das Sofa. Erholung war angesagt.

Am Montag nahm ich meine Arbeit im WZO-Verlag wieder auf, die am Donnerstag, 9. März, so jäh und unerwartet unterbrochen worden war. Wie (fast) immer montags, schrieb ich zunächst meine Kolumne „SC INTEAM“ für sämtliche WZO-Wochenzeitungen. Hier ist der Wortlaut:

SC INTEAM

Bevor die Bundesliga nach der Länderspielpause am kommenden Wochenende auf die Zielgerade geht, scheinen die wichtigsten Fragen, also die nach dem Meister und den direkten Absteigern, bereits beantwortet. Der FC Bayern (62 Punkte) ist oben nicht mehr aufzuhalten und für Schlusslicht Darmstadt (15 Punkte) beträgt  der Abstand zum rettenden 15. Platz bereits 14 Zähler. Trotz ungewöhnlich starker Auftritte scheint auch für den FC Ingolstadt (19 Punkte) eine Rettung zwar nicht ausgeschlossen aber unwahrscheinlich. Das liegt auch daran, dass die Mannschaften, die für den Relegationsplatz in Frage kommen, emsig punkten – so sehr, dass sich selbst der SC Freiburg mit seinem auf 35 Zähler angewachsenen Punktekonto noch nicht in absoluter Sicherheit wiegen kann. Es müsste aber einen objektiv nicht erwartbaren schwerwiegenden Leistungseinbruch beim Streich-Team geben, um noch einmal in die Nähe des ungeliebten Relegationsplatzes abzusacken. Da der SCF gegen Hoffenheim und in Augsburg  auch mit mittelprächtigen Leistungen punkten konnte, ist die Prognose, dass  Freiburg in absehbarer Zeit für die Konkurrenz aus dem Tabellenkeller auch rechnerisch uneinholbar sein wird, nicht sonderlich verwegen. Läuft der Sport-Club am Ende auf Rang 8, 9 oder 10 ein, wäre das für den Aufsteiger ein grandioses Ergebnis. Bei optimalem Verlauf der letzten neun Spieltage wären auch  Platz 5 oder 6 durchaus mögliche Endplatzierungen.  Dies käme aber angesichts der Vorgeschichte – Abstieg, Zerfall und Neuaufbau der Mannschaft, Wiederaufstieg und Neustart mit vielen Bundesliganovizen  –  einer sportlichen Sensation gleich. Nur sparsam wäre die Freude über eine Endplatzierung auf Rang 7. Dann ständen nämlich, mitten in der Vorbereitungsphase auf die neue Saison, eine Reihe    von Qualifikationsspielen für die Europa League auf dem dann besonders aufgeblähten Pflichtspielkalender. Trotzdem kommt Taktieren nicht in Frage. Die Freiburger Perspektiven lauten: So schnell wie möglich den Klassenerhalt unter Dach und Fach bringen und dann so weit und hoch kommen wie irgendwie möglich. Abgerechnet wird am 20. Mai, dem letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga. (Zitatende)

 

 

Jetzt ist eine Woche Bundesligapause – die nutze ich zum Regenerieren – auch für meine lädierte Stimme. Man liest und hört sich gegen Werder Bremen!