< 12. Spieltag der Fußball-Bundesliga, VfL Wolfsburg gegen SC Freiburg
27.11.2017 18:56 Alter: 19 days

13. Spieltag der Fußball-Bundesliga, SC Freiburg gegen FSV Mainz 05

Samstag, 25. November 2017, 15.30 Uhr Schwarzwald-Stadion, Freiburg SC Freiburg - FSV Mainz 05


 

Das Vorspiel

 

Auf der Pressekonferenz vor dem eminent wichtigen Heimspiel gegen Mainz 05 wurde SC-Trainer Christian Streich gefragt, wie viele Punkte er denn aus den nun anstehenden Spielen gegen Mainz, Hamburg und in Köln holen wolle. Für den Chefcoach war das eine eher ungewohnte Frage, die er mit trockenem Humor beantwortete: „Wir wollen eigentlich immer alle Spiele gewinnen – also neun Punkte. Das würde ich Ihnen aber auch sagen, wenn wir gegen Bayern, Leipzig und Dortmund spielen müssten.“ Aus diesen flapsig vorgetragenen Worten erwuchs dann die Mediengeschichte „Streich will neun Punkte aus den nächsten drei Spielen“.

Fakt ist, dass die Heimspielsituation in den Spielen gegen die Kellerkonkurrenz natürlich Erwartungshaltungen produziert; vornehmlich bei den Fans – ein Stück weit aber sicher auch bei den Handlungsträgern selbst und natürlich bei uns Journalisten. Auch ich sehe eine echte Chance, die Tabellensituation in diesen Tagen zu korrigieren. Das wird auch aus meiner Kolumne „SC INTEAM“  in den Wochenzeitungen am Oberrhein deutlich:

Beim Sport-Club brennt der Baum – leider nicht der Christbaum … Nach dem 1:3 in Wolfsburg steht der SC Freiburg erstmals seit dem Abstieg 2015 wieder auf einem direkten Abstiegsplatz.  Der SC war in Wolfsburg hoch motiviert, rannte wie noch keine andere Mannschaft in dieser Saison (128,8 km) und doch wollte nichts gelingen. Der VfL Wolfsburg beendete seinen ersten Angriff mit dem Tor zum 1:0 (3. Minute). Von diesem Nackenschlag erholte sich der SC lange nicht. Die Pässe gerieten zu unpräzise, ein planvolles Angriffsspiel kam nicht zustande. Durch den frühen Rückstand waren zudem maßgebliche strategische Pläne hinfällig: Die auf den Außenpositionen aufgebotenen Florian Kath und Karim Guédé, deren Aufgabe es eigentlich sein sollte, das schnelle Umschaltspiel und den Spielaufbau der Wolfsburger früh zu stören, waren mit den Aufgaben, die sich aus der neuen Spielsituation ergaben, ein Stück weit überfordert. Athletik und Bissigkeit waren bei beiden vorhanden, es mangelte freilich an Kreativität und Ballfertigkeit, um die nun mit breiter Brust agierenden Hausherren zu attackieren. Was beim Spielstand von 0:0 als ein kluger personeller Schachzug erschienen war, wirkte nun, beim Spielstand von 1:0 für den Gegner, wie ein Hemmschuh. Ein kapitaler Abspielfehler von U21-Europameister Janik Haberer leitete in der 29. Minute das 2:0 ein. Der SC benötigte die Halbzeitpause, um sich zu sammeln und zurück ins Spiel zu finden. In der besseren zweiten Hälfte drängte der SC Freiburg nach vorne und kam durch den für Karim Guédé eingewechselten Bartosz Kapustka verdient zum Anschlusstreffer (68. Minute). Als Wolfsburg aber quasi im Gegenzug das 3:1 erzielte, war das Spiel entschieden. Der frühe Rückstand hatte das Konzept des SC gleich zu Beginn des Spiels durchkreuzt, schlechte Tagesform einzelner Spieler kam dazu – die Niederlage war verdient.   Die verpassten Siege gegen Berlin und Hannover sowie die unverdiente Niederlage gegen Schalke und die Erlebnisse von Stuttgart schmerzen vor diesem Hintergrund mehr als das 1:3  von Wolfsburg. Trotz der wachsenden Abstiegsgefahr werde die Mannschaft nicht auseinander brechen, sondern  ruhig und  noch akribischer arbeiten, verspricht Alexander Schwolow. Der Torhüter erinnert an die Saison 2013/2014. Damals, Schwolow saß als Baumann-Backup auf der Bank, war die Saison ähnlich mäßig angelaufen. Nach zwölf Spieltagen hatte der SC – exakt wie heute – acht Punkte. Zur Saisonhalbzeit waren es 14, am Ende dann 36 Zähler, die den souveränen Klassenerhalt bedeuteten. Ruhe zu bewahren ist deshalb – wie damals – ganz wichtig. Schon in den Heimspielen gegen Mainz (Samstag, 25. November) und Hamburg (Freitag, 1. Dezember) kann das Tabellenbild entscheidend korrigiert werden. (Zitatende)

 

Am Samstagmorgen vor dem Mainz-Spiel schlief ich lange. Erst um 10 Uhr stand ich auf, zog meine Berufskleidung an, also die von baden.fm-gebrandeten hummel-Teile, frühstückte ausgiebig und dann musste ich auch schon fast los. Erste Station war diesmal das Funkhaus Freiburg, weil da – ausnahmsweise – meine Übertragungstechnik lag, die ich sonst immer in meiner hummel-Tasche bei mir zuhause aufbewahre. Wir übertragen ja seit einiger Zeit mittels einer Internetverbindung zwischen Stadion und Studio und diese noch recht neue geniale Technik, die sich „Voice over IP“ nennt und von zwei sogenannten Musiktaxis gesteuert wird – eines im Stadion, eines im Studio – hatte in der zu Ende gehenden Woche auch als Übertragungstechnik für die Liveschalten aus dem Bettenhaus Jundt in Emmendingen gedient, wo „Landei Reyk“ ein Duell mit einem Hörer durchzog – wer hält es am längsten in einem gemeinsamen Doppelbett aus – Tag und Nacht versteht sich. Ich hatte ja schon Sorgen, dass sich die Bettengeschichte bis ins Wochenende zieht, aber dann rutschte das Landei bei einer Gymnastikübung vom Bett auf den Fußboden und war „draußen“ – hatte die Wette verloren. Donnerstagnachmittag ist es passiert, so dass ich zum Glück meine sehr geschätzte Edel-Technik für die Übertragung aus dem Stadion einplanen konnte. Deshalb am Samstagmittag also der Umweg übers Funkhaus. Zwei Stunden vor Spielbeginn war ich dann auf dem Journalisten-Parkplatz beim Schloss Ebnet und ließ mich mit dem extra dafür eingerichteten Shuttle-Service vor das Stadion chauffieren. Im Presseraum gab es unter anderem Hühnersuppe und Frikadellen im Brötchen – mein Mittagessen. Dann checkte ich auf der Pressetribüne die Leitungen und  die Übertragungseinheit, also das Musiktaxi – alles palletti. Dann konnte ja fast nichts mehr schiefgehen. Ich war ziemlich siegessicher…

 

Das Fußballspiel

(Mein 886. SC-Livespiel im Radio)

 

Die erste Halbzeit des Spiels Freiburg gegen Mainz ließ mich dann doch daran zweifeln, dass das alles so nach meinem Geschmack läuft. Mainz war über weite Strecken besser, hatte mehr Torszenen und war mit dem 0:0 zur Pause eigentlich schlecht bedient. Der SC konnte sich glücklich schätzen und es war klar: Da musste eine Leistungssteigerung her.

Es gab aber ehrlich gesagt keinen Grund, eine solche für die zweite Halbzeit nicht auch wirklich zu vermuten, ja, zu unterstellen… In solchen Situationen bin ich immer Optimist. Natürlich kann der SC besser kicken als er es in den ersten 45 Minuten getan hatte… und dann kickte der auch deutlich besser:

Vom Anpfiff der zweiten Halbzeit an übernahm der SC das Kommando und berannte das Mainzer Tor. Der für den blass gebliebenen Kapustka eingewechselte Kent, der ebenso blass bleiben sollte, vergab eine Chance, Terrazzino eine andere. Auffällig war wie aufgedreht im besten Wortsinn Nils Petersen zu Werke ging. Immer wieder lauerte er, erahnte Bälle bzw. Pässe des Gegners und funkte, wenn es ging, dazwischen. Eine Großchance hatte der einstige Edeljoker auf diese Weise schon vorbereitet und aufgelegt, dann kam die 51. Minute. Nach drei vergebenen Großchancen in den ersten fünf Minuten der zweiten Hälfte erahnte der auf solche Situationen lauernde Petersen einen Rückpass von Latza zu Torhüter Zentner, spritzte dazwischen, umkurvte den verdutzten Keeper und schob den Ball souverän zum 1:0 über die Linie. „Alexa, lauter! Tooooooooooooooooor!!!“ scherzte ich ausgelassen und glücklich am baden.fm-Mikrofon. Würde alles gut werden? Ich war jetzt überzeugt davon.

 

Es blieb allerdings lange bei diesem denkbar knappen 1:0, auch weil weitere Chancen nicht genutzt wurden. Die Führung war jetzt verdient – ohne Frage – aber eben knapp und in nullkommanichts frisst du den Ausgleich…  wenn es schlecht läuft.

An diesem Tag aber lief es schlecht für die Mainzer. Eine gute Viertelstunde vor dem Abpfiff hatten sie zwei Mal riesiges Pech oder der Sport-Club hatte Glück (ich erkläre die Szene ausführlich im Nachspiel), so blieb es bei der knappen Führung. Kurz vor dem Ende wechselte Streich nicht etwa Ravet, sondern den nach dem Wolfsburg-Spiel vor allem in sozialen Netzwerken kritisierten Florian Kath ein. Das Talent aus der Region wurde mit Applaus begrüßt. In der 90. Minute erkämpfte der starke Höfler den Ball, gab weiter auf Günter und der schickte den an der Mittellinie lauernden Kath auf die Reise. Der frühere Bahlinger spurtete mit dem Ball am Fuß über das halbe Spielfeld Richtung Tor, verlud Zentner und schoss zum 2:0 ein. Welch ein Jubel im ausverkauften Schwarzwald-Stadion… Das war der Sieg … oder besser: War das der Sieg?  Denn im direkten Gegenzug gelang den Gästen aus Mainz der Anschlusstreffer. 60 Sekunden waren dann noch zu spielen… aber dann war Schluss! Der zweite Sieg war in trockenen Tüchern.

 

Das Nachspiel

 

Natürlich ließen sich die Jungs auf dem Spielfeld feiern. Sie hatten es sich verdient. Mir gab das die Zeit, im Anschluss an die Liveschalte mit der Analyse, konkret mit den baden.fm-Noten für unsere Jungs (Traumnote 1 für Nils Petersen), noch den stimmungsvollen „Aufsager“ für die baden.fm-Morningshow am Montagmorgen aufzeichnen zu lassen – mit Stadion- und Feieratmosphäre im Hintergrund versteht sich. Erst als auch dieser sogenannte Korri (also Korrespondenten-Bericht)  im Kasten war, fuhr ich mit dem Lift der Haupttribüne, für den ich zum Glück einen Schlüssel habe, ins Erdgeschoss und lief zur Mixedzone. Diese erreichte ich noch vor „Chico“ Höfler, der als erster SC-Profi zu den wartenden Journalisten kam und den ich, einem Agreement aller Beteiligter folgend, als erster aber gleichzeitig auch stellvertretend für alle anderen Kollegen, mit Mikrofon „vernehmen“ durfte. Weil es dieses Agreement gibt, akzeptiere ich übrigens klaglos, dass die Zitate und O-Töne aus diesen Interviews anschließend bundesweit ohne Quellenangabe genutzt werden. Das ist sozusagen unausgesprochen der Deal.

Besonders nett finde ich, wenn dann trotzdem mal ein Kollege darauf kommt, auf den Umstand hinzuweisen, dass der jeweilige Spieler das Zitat X oder Y nicht ihm persönlich, sondern eben mir gegeben hat. Ich finde es – wie gesagt – völlig okay, wenn das nicht geschieht. Dennoch war ich sehr geschmeichelt, als ich erst neulich durch Zufall in einem Internet-Archiv entdeckte, dass ein Zitat von Nils Petersen nach dem bitteren Europa League Quali-Aus in Ljubljana, genau diesen Hinweis enthielt – und mit was für Worten… und in welcher Zeitung…

Da schrieb doch tatsächlich die große und bundesweit bekannte Frankfurter Rundschau:   „Oah, das ist jetzt wirklich ein ganz schwerer Brocken“, sagte der 28-Jährige am Mikrofon der Freiburger Radiolegende Frank Rischmüller: „Es tut weh, vor allem, weil wir jetzt in diesen zwei Spielen die gute Arbeit in der vergangenen Saison verkorkst haben im Hinblick auf Europa.“  Recht hat er ja, der Nils. Aber der Hinweis auf die Quelle und die Wortwahl dabei – das geht mir schon runter wie Öl… deshalb danke, Kollege Jakob Böllhoff, sehr honorig.

Zurück in die Mixedzone nach dem Mainz-Kick. Erst „Chico“, dann  noch der besonders gut aufgelegte Marco Terrazzino – alles fluppte. Nach Siegen sind die Interviews besonders leicht und angenehm zu führen.

Als zwei Talks aufgezeichnet waren, konnte ich zur PK. Das Gespräch mit Christian Streich, nach dem offiziellen Teil der PK, zog sich über sechs Minuten hin. Es gab ja auch einiges zu besprechen: Die schwache erste und die starke zweite Halbzeit, den Galaauftritt von Nils Petersen, das Tor von Flo Kath, das dem jungen Mann sicher gut tun wird – dass jetzt erneut ein Heimspiel ansteht, gegen den HSV und so weiter und so fort. 

In der Wartezeit auf den Beginn der PK hatte ich  übrigens schon die Spielerinterviews an die diversen Adressaten geschickt, die damit arbeiten. Jetzt schickte ich das Trainer-Interview noch hinterher und war mit der Welt und mir im Reinen.

Dem Sport-Club-Sieg am Samstag folgte der Arminia-Sieg in Kaiserslautern am Sonntag – welch ein Wochenende für mich!

Am Montagmorgen stand dann als erstes das Verfassen der aktuellen Zeitungskolumne auf meinem Programm. Hier ist sie im Wortlaut:

SC INTEAM

Speziell in den Heimspielen wusste der SC Freiburg in der aktuellen Bundesligasaison in aller Regel zu gefallen. Beim 0:0 gegen Frankfurt, dem 1:1 gegen Hannover, dem 1:1 gegen Hertha BSC und auch beim 0:1 gegen Schalke haderten die Platzherren aber mit dem sogenannten Spielglück. Weil dieser Mosaikstein fehlte, konnten die überlegen geführten Partien, die Remis endeten, nicht gewonnen werden und bei der Niederlage gegen die „Königsblauen“ blieb dem SC ein verdienter Punkt verwehrt. Ach ja, die Punkte … Trotz der desaströsen Auswärtsbilanz – fünf Niederlagen, ein Remis, 2:19 Tore – könnte der SC Freiburg anno 17/18, bei etwas mehr Spielglück in den ersten sechs Heimspielen, in der Tabelle ähnlich gut platziert sein, wie vor einem Jahr (16 Punkte, Platz elf nach 13 Spielen). Die Saison 16/17 endete bekanntlich mit der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb.

Es soll den 2:1-Sieg der Freiburger gegen den FSV Mainz 05 nicht schmälern, wenn heute festgestellt werden kann: Am 13. Spieltag, beim siebten Heimspiel des SC, kam das Spielglück zurück zu den Schwarzwäldern. Sinnbildlich dafür steht die 74. Minute der Partie. Nach schwacher erster Halbzeit und einem von Freiburger Seite furios geführten zweiten Abschnitt, kam Terrazzino beim Spielstand von 1:0 für den SC in der Mainzer Hälfte zu Fall. Es sah aus wie ein Foul, war aber keines, weshalb Schiedsrichter Siebert aus Berlin zurecht weiterspielen ließ. Während die Freiburger protestierten, schaltete der Mainzer Gbamin am schnellsten und schoss den Ball aus 59 Metern (!) über den an der Strafraumgrenze  platzierten Schwolow hinweg aufs Tor. Erster glücklicher Umstand: Der Ball senkte sich hinter dem Keeper nicht ins Tor, sondern prallte an die Latte. Zweiter glücklicher Umstand: Sechs Meter vor dem Kasten stehend, konnte Mittelstürmer Kodro den Abpraller unbedrängt auf das 7,32 Meter breite Tor köpfen – der Mainzer bekam den Ball aber nicht am zurückgeeilten  Schwolow vorbei, sondern köpfte den Keeper an. Das war Spielglück – der Rest war, wie so häufig in der Bundesliga, unglaublich eng. Am Ende stand dann der Sieg und die Erkenntnis über die Rückkehr des lange vermissten Spielglücks.  Wenn es bleibt, stehen die Chancen gut, am kommenden Freitag, im achten Heimspiel der Saison, gegen den Tabellennachbarn Hamburger SV einen weiteren „Dreier“ zu landen, bevor es zum krisengeschüttelten  Schlusslicht 1. FC Köln geht. Neben etwas  Glück benötigt der Sport-Club auch gegen den Hamburger SV wieder mutige Anführer, die den Takt vorgeben, die mitreißen und an denen sich die anderen, zum Teil noch sehr jungen Freiburger Profis aufrichten können. Beim Sieg gegen Mainz waren diese wichtigen Eckpfeiler die Routiniers: Nicolas Höfler als souveräner Taktgeber im Mittelfeld und der mitreißende und nimmermüde Nils Petersen im Angriff. Kehrt mit dem Erfolgserlebnis gegen Mainz nun auch noch die Leichtigkeit ins Freiburger  Spiel zurück, ist gegen den HSV vieles möglich; selbstverständlich auch der dritte Saisonsieg. (Zitatende)

 

So, dass war jetzt die „long version“, die zum Beispiel in unserer Lörracher Ausgabe erscheint. Aus Layoutgründen gibt es in einigen Ausgaben auch eine geringfügig gestutzte Version. Erscheinen wird die Kolumne wie immer in den Wochenzeitungen am Oberrhein, die am Mittwoch und/oder Donnerstag zwischen der Ortenau und der Grenze zur Schweiz erscheinen.

 

Jetzt ist es Montagabend, 22 Uhr – ich habe fertig.