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23.01.2018 14:53 Alter: 209 days

20. Spieltag der Fußball-Bundesliga, Borussia Dortmund gegen SC Freiburg

Samstag, 27. Januar 2018, 15.30 Uhr * Signal-Iduna-Park, Dortmund Borussia Dortmund - SC Freiburg


Das Vorspiel

 

Ich gebe es zu, ich mag die Menschen im Ruhrpott, speziell die Dortmunder. Wenn ich da als Journalist einen Antrag einreiche – wie bei allen anderen Bundesligisten auch – mit Kopie des offiziellen und anerkannten Presseausweises und Nennung eines der auftraggebenden Medien, dann liegt im Fall von Borussia Dortmund ein paar Tage später ein Briefumschlag mit Pressekarte und Parkausweis im Briefkasten; ganz ohne Schnickschnack und Galama. Bei anderen Clubs, bis hinunter in die dritte Liga, musst Du dir nach der umfangreichen Beantragung mit allen Nachweisen trotzdem noch deine Karte persönlich gegen Vorlage des Presseausweises abholen. Manchmal sogar andernorts als im Stadion, was Hin- und Hergefahre oder -gerenne mit sich bringt. Borussia Dortmund ist ohne Frage ein Weltclub und geht so cool und unaufgeregt mit der Akkreditierung um, wie beschrieben. Hut ab und Gruß nach Dortmund! Da könnten sich einige andere deutsche Proficlubs eine Scheibe von abschneiden…

Natürlich gibt es Missbrauch im Bereich der Akkreditierungen. Ich glaube aber nicht, dass der in Dortmund größer ist als zum Beispiel in Leipzig, wo du zu einem mehrere Kilometer vom Stadion entfernten Hotel fahren musst, um deine Unterlagen zu holen, oder in Berlin, wo man ja nicht unbedingt mit dem Auto hinreist, wo du dir eine goldene Wandernadel verdienst, bis du in der Hertha-Geschäftsstelle deine Unterlagen bekommst, um dann wieder zurück zum Olympiastadion zu wandern. Besonders für Fotografen mit viel Gepäck ist das eine Tortur.

Der BVB ist da, wie gesagt, sehr cool und angenehm für uns Medienprofis, die jede Woche in irgendeinem Stadion sitzen (müssen oder dürfen, je nach persönlichem Empfinden). Da kann das Galama um die Pressekarte schon einmal nerven. Cooler als Borussia ist übrigens nur Frankreich, wo du als Journalist mit dem internationalen Sport-Presseausweis des entsprechenden Verbandes (AIPS) in jedes Stadion, jede Mixedzone und jeden Presseraum kommst. In den Besitz eines solchen Ausweises kommst du im Prinzip nur über den nationalen Berufsverband (VDS) - und da hinein zu kommen ist auch nicht so ganz einfach. Man brauchgt zum Beispiel Bürgen, die bereits eingetragene Mitglieder und damit auch Medienprofis sind. Da sollte Missbrauch, so weit man den ausschließen kann auch weitestgehend ausgeschlossen sein. Ein paar schwarze Schafe gibt es immer und überall...

Wegen des ungleich größeren Medieninteresses am Profifußball ist das französische Modell natürlich nicht auf Deutschland übertragbar. Aber das Dortmunder Modell sollte in der Bundesliga Schule machen: Ein einwandfreier Akkreditierungsantrag, belastbare Ausweiskopien beim Antrag und fertig; keine Rennerei, kerne Nerverei für uns Journalisten.

Aber das nur nebenbei.

Dortmund… auswärts…

Coulibaly und Kehl trafen im Oktober 2001, an einem Sonntagnachmittag, beim einzigen Sieg des SCF in 19 Versuchen in Dortmund. Sebastian Kehl, der später lange Jahre Kapitän des BVB werden sollte, kickte damals nämlich noch beim SCF und das Endergebnis lautete 0:2. Ich habe das Spiel übertragen – die Erinnerung geht mir aber gänzlich ab. Die Wochen vorher sind mir hingegen deutlich präsenter: Das 4:2 im DFB-Pokal bei Yesilyurt in Berlin etwa, das 0:0 im UEFA-Cup an diesem dramatischen 11. September – dramatisch in New York und unwirklich beim Spiel in Puchov in der Slowakei – die 1:0-Niederlage in München mit dem Tor von Elber, der dann unter Bezug auf New York und die Terror-Angst in der Welt, beim Torjubel eine Friedenstaube symbolisierte – das ist bei mir alles noch sehr präsent. Dass es dann aber im nächsten Auswärtsspiel einen 2:0-Sieg unseres SC Freiburg in Dortmund gegeben hat - nee, das hatte ich verdrängt … Gut, dass es www.fussballdaten.de gibt. Sonst hätte ich vermutet, der SC hätte bei der Borussia noch nie gewonnen.

1994 und 1999 gab es übrigens jeweils ein 1:1 – das weiß ich noch. 94 traf Ralf Kohl nach der Dortmunder Führung durch Andi Möller für den SC, 99 hat Zoubaier Baya zum 0:1 getroffen – Fredi Bobic glich erst in der Schlussminute aus.

Der Rest der gemeinsamen Historie ist – so weit es SC-Auftritte in Dortmund betrifft – betretenes Schweigen. 3:0 – 4:0 – 5:1 – 5:0 – 3:1 – 3:1 hieß es in den vergangenen Jahren der Neuzeit. Da war kein Mutmacher dabei…

Andererseits sage ich mir, wer Leipzig verdient(!) mit 2:1 schlägt, hat auch gegen den BVB in der von den Dortmundern zuletzt gezeigten Verfassung eine, wenn auch kleine, Chance. Wir sagen es mal so: Vielleicht gibt es ja ein paar Ecken (enn Ihr wisst, was ich meine) vor den mehr als 80.000 Zuschauern in Westfalen, nahe meiner ostwestfälischen Heimat…

Meine Reiseplanungen für die nächsten beiden Auswärtsspiele, also Dortmund und Hannover, ist sehr ähnlich. Im WZO-Verlag habe ich mir den Freitag vor den Spielen jeweils freigenommen. So düse ich etwas mehr als die halbe Strecke, genauer gesagt bis in den Raum Gießen, jeweils schon am Donnerstag. In einem netten Hotel mit besonders feiner Restaurantküche, in einem kleinen Kaff vor den Toren der Stadt, werde ich übernachten und bin dann jeweils am Freitagmittag zum Familienbesuch bei meiner Mutter im Bielefelder Ortsteil Jöllenbeck.

In der Heimat führe ich dann die rüstige alte Dame (86) aus und bringe ihr ein bisschen Abwechslung in den Alltag, der nach dem Tod meines Bruders und meines Vaters vor gut drei bzw. gut einem Jahr etwas grau geworden ist.

Am Samstag ist es dann sowohl zum Stadion nach Dortmund als auch zur Arena nach Hannover jeweils nur eine Autobahnstunde, sodass ich die Spiele von Bielefeld aus abwickele und von Samstag auf Sonntag auch noch einmal bei „Muttern“ übernachte, bevor es am Sonntag wieder zurück nach Bad Krozingen geht.

 

Bereits am Donnerstag geht es also schon los nach Dortmund, weshalb ich diese Woche schon recht früh (Dienstag) ins Tagebuch eingestiegen bin.

Ob Schwolow für Dortmund fit sein wird, wer von den verletzten Feldspielern womöglich zurückkommt, all das ist zurzeit noch „Spekulatius“. Ich werde es womöglich nach der PK am Donnerstagmittag wissen und nachreichen. Aber was macht Christian Streich, wenn zum Beispiel Lienhart, Höfler und/oder Ravet wieder einsatzbereit wären?

Da Borussia Dortmund ganz grob gesehen ein ähnliches Spielsystem an den Tag legt wie Leipzig, gegen die der SC 2:1 gewonnen hat, schreit das doch förmlich nach einer weiteren Chance für das System und die Formation vom Leipzigspiel.

Irgendwo habe ich gelesen, dass beim SC zurzeit zwar viele Leistungsträger verletzt wären, dass dies aber Spieler seien, auf die der SC in den Spielen gegen die Topteams, die momentan gerade anstehen, taktisch am ehesten verzichten könne. In der Tat ist der SC zurzeit primär defensiv und in Sachen Zweikampfstärke gefordert als in Sachen Spieleröffnung,  Kreativität und Angriffsvarianten. Ich sag es mal so: Wenn man sich die Freiburger Verletztenmisere schönreden will, kann man das ja auch mal so sehen…

 

Ob nach der Großtat gegen die Sachsen am kommenden Samstag gleich eine weitere Großtat in Dortmund folgen kann oder wird, muss man mal in Ruhe abwarten. Jeder Punkt zählt, deshalb träume ich von einem dritten 1:1 in der Bundesligageschichte zwischen BVB und SCF, nahe der B1 in Dortmund. Das fände ich schon top!

 

Das Fußballspiel

(Mein 894. SC-Livespiel)

Unser SC hat es schon wieder getan… Eine Woche nach dem eindrucksvollen Auftritt gegen Leipzig zeigte die nach wie vor vom Verletzungspech geplagte Mannschaft von Trainer Christian Streich auch in Dortmund taktische Raffinesse, hohe Laufbereitschaft, besondere Situationen und gaaaanz viel Herzblut. Überlegen war Fußballgigant BVB nur in den ersten 15 Minuten, als der SC dem prominenten Gegner vielleicht mit zuviel Respekt begegnete, in der Abwehr etwas zu tief stand und im Spiel nach vorne zu wenig Mut aufbrachte. Diese Spielphase zu Beginn nutzte Borussia vor 81.360 zahlenden Zuschauern zur 1:0-Führung. In der 9. Minute prallte ein Ball im Strafraum vom angeschossenen Günter zu Kagava und der trickreiche Asiate legte sich quer in die Luft und traf aus sechs Metern Torentfernung per Seitfallzieher zum 1:0.

Mit zunehmender Spielzeit fand sich der SC aber immer besser zurecht. Kübler, der den verletzten Stenzel als Rechtsverteidiger vertrat, spielte einen schönen Pass auf Haberer. Der ex-Bochumer ging mit dem Ball bis zur Grundlinie, zögerte lange mit dem Flachpass in die Mitte, fand dann aber, den von Abwehrspielern umzingelten Petersen, der sich geschickt löste und die Kugel unter die Latte jagte. 1:1 in der 21. Minute. Bis zur Pause passierte nicht mehr viel – außer, dass die Borussen ab der 35. Minute vom eigenen Publikum ausgepfiffen wurde, was zuvor alleine Aubameyang vorbehalten war, der das in den Vorwochen durch entsprechendes Verhalten provoziert hatte. 1:1 hieß es zur Halbzeit.  

In der 68. Minute dann die Situation des 20. Spieltags schlechthin. Kapitän Nils Petersen, ganz nebenbei auch in Dortmund wieder laufstärkster Spieler auf dem Platz, spekulierte goldrichtig und erwischte einen Rückpass von Sahin. Mit der nächsten Bewegung schlenzte Teufelskerl Nils den Ball aus 40 Metern Entfernung hoch über Bürki hinweg ins lange Eck. Der frühere SC-Keeper zwischen den Pfosten des BVB mochte laufen, springen und sich strecken, doch diesen Ball konnte der Schweizer einfach nicht mehr erreichen. Petersen hatte die Kugel perfekt getroffen. Plötzlich führte Außenseiter Freiburg im Signal-Iduna-Park und die frostige Stimmung rund um den BVB wurde immer deutlicher spürbar. Die Spielzeit verstrich. Obwohl es keine Verletzungsunterbrechungen gegeben hatte, zeigte der vierte Offizielle nach 90 Minuten an, dass drei Minuten nachgespielt werden sollten. Dortmund versuchte es mit der Brechstange und schnürrte den SC am eigenen Strafraum ein. In der dritten und letzten Minute der Nachspielzeit kommt der Ball nach einem vermeintlich abgewehrten Borussen-Angriff 18 Meter vor dem Tor bei Toljan. Es folgte ein Schuss, der noch abgefälscht wurde und – durch die „Hosenträger“ von Söyüncü und Gikievicz hindurch ins Tor flutschte. Der Ausgleich, Sekunden vor dem Abpfiff. Das war bitter… Beim Abpfiff ging kein einziger Freiburger Arm nach oben; Enttäuschung über ein Remis in Dortmund, obwohl der SC hier seit 16 Jahren kein Land mehr gesehen hatte. Schade – andererseits: Den Punkt hat der SC – es ist der 24. Nach 20 Spielen.

 

Das Nachspiel

…war unspektakulär. In den neuen, vorzüglichen Räumlichkeiten für Medienschaffende inclusive Pressekonferenzraum ließ sich bestens schaffen (wie man in Süddeutschland sagt). Als alle Interviews im Kasten waren, konnte ich mich gut gelaunt auf den Heimweg machen. Heim- heißt in diesem Fall auf den Weg ins 100 km entfernte Bielefeld. Als Co-Pilot hatte ich meinen Englischlehrer aus der Abi-Zeit dabei, einem engagierten BVB-Fan. Endlich konnte ich mal ein paar Sprüche loswerden…

Mit meiner Mutter ging ich noch schön essen und fuhr zu späterer Stunde in eine Kneipe in Bielefeld-Schildesche, wo ein ganz alter Weggefährte von mir, Musiker von Beruf, als lebendige Jukebox auftrat. Klaus kann 800 populäre Musiktitel am Piano spielen und dazu singen. Per Zuruf oder auf post-it-Zetteln können sich die Gäste ihre Lieblingstitel wünschen und Klaus macht das dann… Wir kennen uns seit… 40 Jahren etwa. Zwischendurch hatten wir uns 20, 25 Jahre aus den Augen verloren – aber eben nicht aus dem Sinn. Es gäbe tausende Geschichten, die ich hier erzählen könnte. Meistens würde es um Mädchen, Alkohol und Musik gehen – aber sowas interessiert Euch ja nicht in einem Fußballblog… (smile). In der brechend vollen Kneipe verbrachte ich einen netten Abend.

 

Am Sonntagmorgen wachte ich schon recht früh auf, so konnte ich schon um 9 Uhr Richtung Süden starten und war pünktlich zur Sky-Übertragung des ersten Bundesliga-Sonntagsspiels auf dem heimischen Sofa. Geht doch…