< 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga, SC Freiburg
07.05.2019 11:48 Alter: 19 days

33. Spieltag der Fußball-Bundesliga, Hannover 96 gegen SC Freiburg

Samstag, 11. Mai 2019, 15.30 Arena in Hannover Hannover 96 - SC Freiburg


Das Vorspiel

 

Es war der 23. Mai 2015.Eine Woche nach dem viel umjubelten Heimsieg gegen den FC Bayern München trat der Sport-Club am letzten Bundesligaspieltag bei Hannover 96 an. Beide Mannschaften hatten 34 Punkte, der SC hatte als Tabellenvierzehnter das bessere Torverhältnis. Paderborn (31 Punkte, schlechtes Torverhältnis, Tabellenletzter) hatte Heimrecht gegen Stuttgart (33 Punkte, Platz 16) und konnte die Schwaben ins Verderben ziehen und selbst eventuell die Relegation erreichen, im günstigsten Fall sogar mehr. Hamburg (32 Punkte, Platz 17) spielte daheim gegen EL-Kandidat Schalke und war angesichts der permanent schwachen Leistungen ganz sicher kein Favorit gegen die Knappen.

Dem Sport-Club hätte ein Unentschieden zum Klassenerhalt gereicht, Hannover brauchte wegen des schlechteren Torverhältnisses einen Sieg, um der Relegation unabhängig von den anderen Ergebnissen des letzten Spieltages zu entgehen. Die Vorzeichen für den Klassenerhalt des SC Freiburg standen sehr gut; wegen der Punkte und vor allem wegen der starken Leistungen, die der Sport-Club in den Wochen zuvor, etwa beim 1:1 in Hamburg, wo er nur von Schiri Knut Kircher um den Sieg gebracht worden war, und gegen Bayern gezeigt hatte. Wenn es ganz schlecht lief, müsste man, so das höchste der negativen Gefühle, eventuell in die Relegation.  

Es kam anders.

Schnell zeichnete sich an diesem letzten Spieltag der Saison 2014/2015 ab, dass es von Schalke 04 keine Schützenhilfe geben würde und dass Paderborn der Nervenbelastung gegen Stuttgart vermutlich nicht gewachsen sein würde. Außerdem geriet der SC in Hannover schon nach drei Minuten auf die Verliererstraße und kickte nachher wie gelähmt. 96 war auch nicht gut, führte aber ab Minute drei mit 1:0. Eigentlich war es ein "Unentschieden-Spiel" auf schwachem Niveau. Die Nerven spielten aber mit; übringens auch bei mir. Als Pavel Krmas in der 86. Minute ein Eigentor unterlief, blieb mir in der Livereportage die Stimme weg. Ich wusste, das war der Abstieg. Der Kloß im Hals war unerträglich. Ich schüttelte mich und zwang mich, das Fußballspiel weiter zu schildern.

Ich kommentierte Petersens Anschlusstor in der Nachspielzeit, hatte noch einmal ein paar Sekunden Hoffnung, dann war der Abstieg Realität. Es war ein Tiefschlag...

Wie mechanisch machte ich meinen Job, die Routinearbeiten, für ein Interview in der Mixedzone fand sich nur Sportvorstand Jochen Saier bereit. Die Spieler verschwanden in der Kabine und trauerten auf ihre Weise.

„Nils Petersen sitzt in der Kabine und heult wie ein Schlosshund“, sollte Christian Streich später im Interview mit mir erklären, kurz bevor der Cheftrainer selbst von den Gefühlen übermannt wurde und wir das Interview abbrechen mussten.

Zuvor war der Trainer, als er den Pressekonferenzsaal in Hannover betrat, überraschend zu mir gekommen und hatte mich umarmt. Ich glaube, Christian Streich weiß genau, wer von den ständigen professionellen Begleitern seines Teams tatsächlich ein SC-Herz hat und er wusste, dass dieses Herz jetzt blutete.

Wieviel entspannter kommen wir alle jetzt, vier Jahre nach diesen bitteren Momenten, zurück nach Hannover. Es ist nicht der letzte, sondern erst der vorletzte Spieltag, der Klassenerhalt des SC ist in trockenen Tüchern – der Sport-Club bleibt erstklassig und am Flugplatz entsteht ein neues Stadion. Die Zukunft kündigt sich bereits an und sie sieht gut aus. Ich werde die Auswärtsreise nach Hannover genießen…

 

Mit dem Schicksal des Gegners gilt es seriös und respektvoll umzugehen. Nach menschlichem Ermessen wird Hannover 96 absteigen; vermutlich schon am Samstag, am Ende des Spiels gegen den SC. Für die Menschen, deren Fußballherz für 96 schlägt, tut es mir leid. Ansonsten verbinde ich ambivalente Gefühle mit dem Hannoverschen Sportverein. So wie Dortmund im Westen, war und ist Hannover im Norden der meistens etwas erfolgreichere Nachbar meines Heimatvereins Arminia Bielefeld. Die Distanz ist mit jeweils etwa 100 km überschaubar. Ich habe früher oft in Hannover Fußball geschaut, hatte vor meiner Zeit in Freiburg auch mal Verhandlungen mit dem in Hannover ansässigen Radiosender „Antenne Niedersachsen“. Am nahegelegenen Steinhuder Meer habe ich als junger Erwachsener sehr viel Freizeit verbracht, meine Familie hatte dort mehrere Ferienwohnungen, mein älterer Bruder Andreas hatte in diesen Jahren stets ein Segelboot auf dem großen Binnensee.

Mit Hannover 96 anno 2019 verbinde ich allerdings ein ziemlich unseliges Konstrukt. Der Investor Kind ist mir irgendwie ein Dorn im Auge. Klar schießt er Kohle in seinen Verein aber sein Kampf gegen die 50+1-Regel, sein Anspruch zu bestimmen, obwohl er von Tuten und Blasen im Fußball keine Ahnung hat, nerven mich. Erst kürzlich erzählte Ewald Lienen, ein Idol meiner Jugend, in einem Podcast von seinen Verhandlungen mit Kind über ein Trainer-Engagement in Hannover. Der 96-Boss fragte ihn tatsächlich: „Herr Lienen, haben Sie früher auch mal Fußball gespielt?“

Der aktuelle Trainer Thomas Doll wirkt ein bisschen wie ein Coach aus einer anderen Zeit. Ich finde seinen Hamburger Slang ganz witzig, seine Inhalte finde ich - für die heutige Zeit - dagegen oft problematisch.

Jetzt geht es also mit dem Sport-Club nach Hannover; sorgenfrei, unbeschwert und mit der Hoffnung, die seit sieben Spielen sieglose Mannschaft endlich wieder erfolgreich zu sehen. Ich wünsche mir am Ende der Saison 39 Punkte also eine Gesamtpunktzahl, mit der seit vielen Jahren niemand mehr abgestiegen ist.

So würde man den falschen Zungenschlag aus den Diskussionen kriegen, der SC sei nur in der Liga geblieben, weil die anderen so schlecht wären und extrem wenig Punkte gesammelt hätten. Zwei Siege, jetzt gegen Hannover und Nürnberg und dieser dumme Spruch, den ich dieser Tage bereits gehört habe, wäre mausetot. Zutreffend ist er ohnehin nicht, egal wie die letzten beiden Spiekltage laufen.

Und wenn zwei SC-Siege oder auch ein Sieg und ein Remis dazu führen, dass der SC höchst persönlich in den beiden letzten Spielen der Saison den jeweiligen Gegner "begräbt", also zum Abstieg verurteilt, dann wäre das eben so. Da müssen wir und könn(t)en wir durch.

Fein, dass Christian Streich zum Ende der Saison wieder mehr Auswahl hat. Petersen und Sallai sind einsatzbereit, Lienhart trainiert wieder. Haberer ist zwar Gelb-Rot-gesperrt, dafür kommt Abrashi aus seiner Gelb-Sperre zurück. Die letzten News zum Personal gibt es am Donnerstag auf der PK, von der ich hier dann wieder berichten werde.

Vorab schon mal mein Reiseplan: Nach der PK am Donnerstag tausche ich am Funkhaus Freiburg die Fahrzeuge und übernehme den weißen Toyota Auris Hybrid von baden.fm.

Ich gebe zu, in meinem privaten Ford Kuga sitzt man höher, entspannter und vor allem den Rücken schonender aber mit dem Kuga war ich gerade erst aus den genannten Gründen fürs Radio beim Frauen-Pokal-Finale in Köln. Diesmal also lieber der Geschäftswagen, damit der private Schlitten nicht zu viele Kilometer auf die Uhr bekommt und Hannover ist schließlich eine kleine „Weltreise“ - von Deutschland Süd nach Deutschland Nord. Deshalb und um meine Mutter in Bielefeld mal wieder zu besuchen, starte ich auch schon am Donnerstagabend und bringe die erste Etappe bis Gießen hinter mich. Hier, so etwa auf halber Strecke, übernachte ich in einem mir lieb gewordenen Hotel mit feinem Restaurant. Freitagmorgen geht es dann – wie immer überwiegend per Landstraße (über Marburg und Korbach) bis in die Heimat.

Das übliche Programm dort ist dann mit meiner Mutter zu Café Knigge zum Mittagessen gehen, eventuell ein Friseurbesuch, nachmittags etwas ausruhen und abends ins kultige Restaurant  „Kreta“ zu alten Wegbegleitern, Freunden und natürlich zum Essen.

Am Samstag, dem Spieltag, sind die Fahrt nach Hannover und zurück letztlich nur kleine „Hüpfer“. Fahrtzeit etwa 45 Minuten, höchstens eine Stunde.

Am Sonntag ist Muttertag – ein ausgedehntes Frühstück mit meiner alten Dame und ein Blumengesteck sind da Ehrensache.

Spätestens um 11 Uhr muss ich dann aber los – schließlich spielt Arminia Bielefeld auf meinem Weg zurück in den Süden, quasi einen Steinwurf von der A5 entfernt, beim SV Sandhausen. Hier heißt es dann einmal mehr alte Bekannte zu treffen und im Arminia-Umfeld in der Vergangenheit zu „baden“.

Ganz nebenbei werde ich auf der Pressetribüne des Sandhäuser Stadions mit dem SC Paderborn mitfiebern, der im Heimspiel gegen den HSV den entscheidenden Schritt im Aufstiegskampf machen könnte. Ich bin ja davon überzeugt, dass es für den SC Freiburg besser wäre, wenn Paderborn aufsteigt als wenn es nach den Kölnern mit dem HSV ein weiterer „dicker Fisch“ schaffen würde.

Christian Streich fragte mich bei diesem Thema neulich, ob ich denn glaubte, dass Hamburg nächstes Jahr sportlich so viel höher einzuschätzen sei und ich verwies darauf, dass beim HSV immer die Gefahr bestehe, dass sich irgendein Milliardär findet, der in den Hamburgern ein interessantes Investitionsobjekt sieht. Der SC-Trainer stimmte mir achselzuckend zu.

Neulich hatte ich sogar die verrückte Idee, dass der Scheich aus Katar, der sich Gerüchten zu Folge von Paris Saint Germain zurückziehen will, auf die Idee kommen könnte, sich der Hamburger anzunehmen: Eine Weltstadt, ein Verein mit großem Namen in einem Land, in dem der Fußball weitaus populärer ist und deutlich mehr Menschen in die Stadien und in seinen Bann zieht, als zum Beispiel in Frankreich. Also wenn ich Scheich wäre, ich fände Hamburg ein interessantes Thema.

Zum Glück haben wir hier die 50+1-Regel und zum Glück bin ich kein Scheich… Ich bin sehr glücklich als Radioreporter den SC Freiburg zu begleiten; am Wochenende einmal mehr nach Hannover – diesmal unbeschwert, sorglos und bestens gelaunt. Ich werde mir ein Fest daraus machen…

 

Donnerstag

Gastgeber Hannover 96 hofft an den beiden letzten Spieltagen auf ein Wunder. Um es zu realisieren muss auch die besser platzierte Konkurrenz mitspielen. Nur wenn Stuttgart am Samstag gegen Wolfsburg und eine Woche später auf Schalke verliert und Nürnberg gegen Mönchengladbach oder Freiburg Federn lässt, könnten sich die Niedersachsen noch auf den Relegationsplatz hangeln – durch zwei Siege in den finalen Spielen gegen den SC Freiburg und in Düsseldorf.

So recht daran glauben vermag offenbar niemand in der Landeshauptstadt von Niedersachsen. So machte eine örtliche Tageszeitung schon mal darauf aufmerksam, dass die nächste Zweitligasaison bereits drei Wochen vor der Bundesligasaison beginnt und bis dahin noch ein neuer Sportdirektor, ein neuer Trainer und eine fast komplett neu zusammen zu stellende Mannschaft hermüsse. Die Zukunft des Hannoverschen Sportvereins im „Unterhaus“ gestaltet sich somit alles andere als einfach. Und das Wunder?

Der erste Schritt, ein Sieg gegen den Sport-Club, wird unter anderem durch die aktuelle Personalsituation torpediert. Innenverteidiger Felipe ist verletzt, sein Stellvertreter Kevin Wimmer ist gegen den SC gesperrt. Bleiben noch zwei gelernte Innenverteidiger: Waldemar Anton und Josip Elez, der allerdings unter Trainer Thomas Doll bislang noch keinerlei Berücksichtigung fand. Womöglich muss einer der zentralen Mittelfeldspieler in der hintersten Reihe aushelfen; Marvin Bakalorz und Wallace stehen zur Verfügung. Eine solche Maßnahme würde freilich neue personelle Lücken im Mittelfeld schaffen.

Auch in der Offensive gibt es Probleme bei 96: Jonathas ist gesperrt, für die zuletzt verletzen Stürmer Bebou und Füllkrug könnte ein Einsatz gegen Freiburg noch zu früh kommen.

Dennoch ist aus Freiburger Sicht zu bedenken, dass Hannover sein jüngstes Heimspiel gegen Mainz mit 1:0 gewinnen konnte und auch beim 3:1 in München nicht wirklich unter die Räder kam. 96 wird sich am Samstag wehren, notfalls auch mit dem letzten oder vorletzten Aufgebot und der SC kann seinen eigenen letzten Auswärtssieg kaum mehr erinnern. Noch im alten Jahr war es, ein schmeichelhaftes 0:1 beim mutmaßlichen Absteiger 1. FC Nürnberg. Es gibt also überhaupt keinen Grund für die Schwarzwälder, auch nur ansatzweise hochnäsig in die Partie zu gehen.

 

Nach der PK mit Christian Streich

Gute Nachrichten von der PK: Die drei starken Offensivkräfte Petersen, Sallai und Waldschmidt sind am Samstag in Hannover einsatzbereit – nur nicht alle drei au einmal, wie Christian Streich heute beim Pressegespräch an der Schwarzwaldstraße durchblicken ließ. „Du kannst nicht drei Spieler in die Startelf stellen, die vielleicht nur 45, 50 oder 60 Minuten durchhalten können. Meisterns verletzt sich in solchen Situationen noch ein anderer. Da muss man die richtige Balance finden“, so der SC-Trainer. Angesprochen auf die Probleme des Gegners speziell im Bereich Innenverteidigung und die Idee, deshalb kreative, torgefährliche Stürmer zu berücksichtigen, statt der vornehmlich guten Anläufer, stimmte Streich zu, dass dies eine sinnvolle Überlegung sein könnte.

Ansonsten war der Trainer heute sehr darauf bedacht seine Verstimmung über fehlende gute Ergebnisse zum Ausdruck zu bringen. Den Trainer dürstet es nach Siegen und – fall es jemanden interessiert – mich auch.

Irgendwelche Experimente mit Blick auf das nächste Jahr zu starten, also Dinge auszuprobieren, das weist Streich von sich. Aus Respekt vor der vierstelligen Zahl mitreisender Fans und nicht zuletzt auch, weil sich Hannover im Abstiegskampf in einer Konkurrenzsituation befindet. Da wolle man sich nach einem eventuellen Misserfolg im Nachhinein keinen Vorwürfen aussetzen. Freiburg will voll auf die Aufgabe fokussiert auf Sieg spielen und einen solchen möglichst auch einfahren. Die Erfahrung, dass so etwas trotzdem schiefgehen kann, hat vor vierzehn Tagen Mainz 05 bei der 0:1-Niederlage in Hannover gemacht. Streich hat das Spiel natürlich analysiert und festgestellt: „Mainz war absolut fokussiert und hätte eigentlich 3:2 gewinnen müssen. Es fehlte an der Effizienz, die haben einfach ihre zahlreichen Torchancen nicht genutzt.“

Das will der SC am Samstag besser machen, womit wir wieder bei der These mit den kreativ- und abschlussstarken Stürmern sind. Einer oder zwei aus dem Trio Petersen, Sallai, Waldschmidt könnte(n) sich in der Startaufstellung wiederfinden. Vielleicht setzt Streich hier ja auch auf Jobsharing.

Ich übertrage das Bundesligaspiel Hannover 96 gegen SC Freiburg am Samstag ab 15 Uhr in der baden.fm-Bundesligashow.

 

Das Fußballspiel

(Mein 943. SC-Livespiel) 

Vermutlich war es das schwächste SC-Spiel der Saison – in einer Reihe mit den Auswärtspartien in Augsburg (1:4) und Düsseldorf (0:2) aber in dieser Reihe an letzter Position. 0:3 verloren, verdient und beim Absteiger – ein sportliches Desaster.

Mit einer Viererkette, gebildet aus Stenzel, Schlotterbeck, Heintz und Günter, mit Höfler und Koch auf der Doppelsechs, Grifo links-, Frantz rechts im offensiven Mittelfeld und dazu mit der Doppelspitze Petersen / Niederlechner – das war eine viel versprechende Formation, die aber nichts von dem hielt, was sie versprach. Hannover 96, der designierte Absteiger mit personellen Problemen in allen Mannschaftsteilen, dominierte die Partie. Die 96er wirkten entschlossener, zweikampfstärker und mit dem weitaus größeren Siegeswillen ausgestattet. Die Gäste hatten möglicherweise unterschwellig das Ansinnen, den Gegner spielerisch auseinanderzunehmen, was kolossal schiefging. Bei Ballbesitz von Hannover 96 waren die Freiburger zu weit weg von ihren Gegenspielern, wirkten in den Zweikämpfen gehemmt, Ideen waren im Spiel nach vorne Mangelware, Torchancen der wirklich guten Sorte gab es nicht. Sechs Minuten vor der Pause gelang dem in einer Freistoßsituation aufgerückten Waldemar Anton das überfällige 1:0. Die Freistoßflanke von Prib köpfte der Abwehrchef fast unbedrängt ein.

Christian Streich war sauer und wechselte zu Beginn der zweiten Hälfte, was selten vorkommt, gleich zweimal. Pascal Stenzel, der gegen das 96-Talent Linton Maina, einem deutschen U20-Nationalspieler, nur die Hacken gesehen hatte und der in der Offensive wirkungslose Niederlechner mussten raus – es hätte aber auch Koch treffen können, der leistungsmäßig ebenfalls neben sich stand – oder einen der anderen. Neu kamen Roland Sallai, der für Stenzel – das war sicher etwas undankbar, den rechten Verteidiger geben musste, und Luca Waldschmidt kamen ins Team. Bei 0:1 war ja noch alles möglich… Sechs Minuten nach Wiederbeginn schien der sportliche Weg des SC an diesem Nachmittag vor 38.100 Zuschauern aber vorgezeichnet. Roland Sallai köpfte außen und an der Grundlinie stehend einen Ball mit dem Hinterkopf vor die Füße von Linton Maina, der sofort den im Zentrum lauernden Ihlas Bebou bediente, der aus kurzer Distanz einschoss. Auch in der Folgezeit diktierte weiter Hannover das Geschehen auf dem Rasen – trotz des Abstiegs der 96er, der durch das klare Zwischenergebnis aus Stuttgart frühzeitig als unvermeidbar wahrgenommen werden musste. Geradezu peinlich wurde es aus Freiburger Sicht, als der eingewechselte Brasilianer Wallace in der 81. Minute, mit einem Sonntagsschuss aus der Distanz in den Winkel das 3:0 besorgte. Für den Sport-Club und seine Fans war es ein gebrauchter Tag, der sportlich nicht mehr schön werden konnte.

 

Das Nachspiel

Für die Interviews in der Mixedzone stellten sich mit Mike Frantz und Nils Petersen zwei der Leader des Teams den Fragen der Journalisten. Beide ließen kein gutes Haar am Auftritt des Sport-Clubs und suchten keine Ausflüchte. Die schonungslose Selbstkritik, in der Bundesliga selten anzutreffen, war ein positiver Aspekt und zugleich der einzige Hoffnungsschimmer an diesem Nachmittag, an dem Absteiger Hannover von den Fans gefeiert wurde und die Jungs vom Sport-Club wie Absteiger vom Feld geschlichen waren.

Nach Nils und Mike zeigte auch Trainer Christian Streich Größe, indem er das Herunterschrauben der mentalen und athletischen Anforderungen an seine Jungs nach dem Erreichen des Klassenerhalts als Fehlentscheidung seinerseits erkannte. Der allgemeine Spannungsabfall nach dem Erreichen des Saisonziels wurde ganz allgemein als Erklärung für die Negativleistung herangezogen. Gleichzeitig wies Streich darauf hin, was ein paar Prozent weniger Input für sportliche Folgen hätten und dass dadurch deutlich würde, welchen Ritt auf der Rasierklinge sein Team jedes Jahr von Neuem unternähme, um mit den eingeschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten in Freiburg die Bundesliga zu halten. „Hannover steigt ab, kann es sich aber leisten, einen Spieler wie Wallace irgendwann in der zweiten Halbzeit als Einwechselspieler zu bringen“, schüttelte Streich ungläubig den Kopf. Nein, an der Qualität der Einzelspieler ist Hannover 96 sicher nicht gescheitert. Und bei Freiburg ist es das absolute Miteinander, das funktionierende Team, das den Klassenerhalt möglich gemacht hat. Am Samstag in Hannover hat dieses Team nicht funktioniert. Überhaupt nicht. Und alle Beteiligten aus dem Freiburger Lager waren gleichermaßen erschrocken und sauer ob des enttäuschenden Auftretens in der HDI-Arena.

 

Als ich alle Interviews im Kasten hatte, lief ich arg ernüchtert zum baden.fm-Toyota und fuhr los. Bis zur Tanke kurz vor der Autobahnauffahrt der A2 hörte ich mir die bemerkenswerten Stellungnahmen noch einmal an, die die Spieler und der Trainer mir ins Mikrofon gesprochen hatten. Klare Worte, nachzuhören auf www.scfreiburg.com. Nach dem Volltanken fuhr ich zurück nach Bielefeld und führte meine 87-jährige alte Dame zum Spargelessen aus. Es war eine gute Wahl, denn meine Mutter war ganz begeistert vom guten Essen im Restaurant „Alt Schildesche“, einem Familienbetrieb mit richtig guter Küche. Mich brachte das Zusammensein mit meiner Mutter, der Videoanruf meiner Schwester Elke aus Mexiko während unseres Essens und natürlich der leckere Spargel mit auf seiner Haut gebratenem Zander auf andere Gedanken. Irgendwann um kurz nach zehn – also so früh wie sonst nie auf meinen vielen Fußball-Reisen – lag ich im Bett, lauschte meinem Hörbuchkrimi („Mörderisches Lavandou“) und schloss für diesen Samstag mit Fußball ab.

Am Sonntag, Muttertag, holte ich frische Brötchen und das vorbestellte Orchideengesteck und machte mich nach einem gemütlichen Frühstück im Familienkreis, in dem Fall mit meiner Mutter und meiner Schwägerin, wieder besser gelaunt auf den Weg nach… Sandhausen. Mit dem gleichen Ergebnis, mit dem der Sport-Club in Hannover verloren hatte, gewann Arminia Bielefeld beim dortigen abstiegsgefährdeten SVS. Karim Guédé sah ich nur aus der Ferne  - er saß 90 Minuten auf der Bank. Schleusener ist bekanntlich schwer verletzt. Der 3:0-Sieg der sehr cool und absolut effizient spielenden Arminen machte mir ein wenig Freude. Genauso das 4:1 von Paderborn gegen den HSV, das ich auf der Pressetribüne mit Bluetooth-Kopfhöher zunächst bei WDR 2, später auf meinem iPhone via „Sky go“ verfolgte. Gegen halb neun am Sonntagabend endete meine Dienstreise nach Hannover. Einmal mehr landete ich recht früh im Bett, ich war einfach müde von der Reise, von der sportlichen Enttäuschung am Samstag und den Reisestrapazen am Sonntag.

Nachdem ich zwei Nächte darüber geschlafen hatte, traute ich mir eine vernünftige Kommentierung des Geschehenen für die knapp 300.000 WZO-Wochenzeitungen in Südbaden zu und haute in die Tasten:

SC INTEAM

Ihre besten Leistungen am  33. Bundesligaspieltag erbrachten die Männer vom  SC Freiburg nach dem Abpfiff in der  Mixedzone   der HDI-Arena von Hannover, in der  die Hausherren gerade, trotz eines verdienten 3:0-Sieges gegen grottenschlechte Freiburger definitiv abgestiegen waren. In den Interviews beeindruckten Spieler und Trainer des SC Freiburg  durch offene Selbstkritik und ehrliche Ursachensuche. Warum ging am Samstag beim Sport-Club gar nichts? „Da waren heute elf Spieler auf dem Platz, die Bundesligatauglichkeit haben vermissen lassen“ formulierte Nils Petersen und entschuldigte sich bei den mitgereisten Fans und jenen, die sich „das Gegurke“ am Fernsehschirm hatten angucken müssen. In der Beurteilung des Auftritts waren sich alle einig. Bei der Ursachenforschung fiel oft der Begriff „Spannungsabfall“. Dieses Phänomen beschreibt, was bei Spitzensportlern passieren kann, wenn sie ein gestecktes Ziel – hier der Klassenerhalt – für das sie monatelang körperlich wie mental  unter Hochspannung  gearbeitet haben, erreicht haben. Christian Streich geht noch ein Stück weiter und erlaubt einen Blick ins fußballerische Nähkästchen. Er erläutert die immense Anspannung, unter der seine Spieler während einer Saison stehen, wie sehr sie vor jedem einzelnen Spiel mental gefordert sind und körperlich an die Grenzen gehen müssen, damit in Freiburg Bundesliga möglich ist. Als Entlastung, quasi als Belohnung seiner Männer hatte der Cheftrainer in der Woche vor dem Hannover- Spiel die Zügel länger gelassen; keine stundenlangen Videositzungen, um die eigenen Auftritte und den nächsten Gegner zu sezieren, keine Trainingsbelastung bis an die Kante. Es sollte den Jungs guttun und am Ende einer kräftezehrenden Saison vielleicht letzte Reserven aktivieren. Der Schuss ging nach hinten los. Respekt für den Trainer, der durch seine Offenheit einen Großteil der Verantwortung für die schwache Leistung und die unerwartete 0:3-Niederlage beim Absteiger Hannover auf seine Kappe nimmt.

Für das letzte Spiel, am kommenden Samstag, 18. Mai, um 15.30 gegen den anderen direkten Absteiger dieser Saison, 1. FC Nürnberg, verspricht Christian Streich – obwohl es sich um das letzte Spiel vor der Sommerpause handelt – eine Rückbesinnung auf alte Tugenden. „Wir werden eine lange Videositzung machen, wir schauen uns den Scheiß an, den wir heute gespielt haben, dann gehen wir in Konfrontation und dann gehen wir auf den Trainingsplatz und machen dort weiter“, vermittelt Streich glaubhaft, dass es kein lockeres Auslaufen Richtung Sommerurlaub geben wird. Mannschaft und Trainer versprechen alles zu tun, um gegen Nürnberg eine gute Leistung zu bringen und die mit dem Klassenerhalt belohnte Saison vor den treuen Fans mit einem Sieg zu beenden. (Zitatende)

 

Die Kolumne erscheint von Mittwoch bis Freitag – je nach Verteiltermin – in allen Wochenzeitungstiteln des Verlags.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Jungs diese Woche und dann besonders am Samstag gegen Nürnberg noch einmal Vollgas geben. Es wäre doch schade, wenn das einmal mehr grandiose Gesamtergebnis – Klassenerhalt! – durch unschöne Tagesaktualität übertüncht würde. 36 Punkte – dasselbe Endergebnis wie im Vorjahr – wäre doch eine schöne Sache, wenngleich die Mannschaft vermeintlich oder auch konkret weitaus mehr Potenzial auf den Platz bringt als jene des Vorjahres. Darüber wird – möglichst nach einem Sieg am 34. Spieltag gegen Nürnberg – in der Sommerpause nachzudenken sein.

Ich habe fertig.