< 23. Spieltag der 2. Fußball Bundesliga
17.03.2008 00:00 Alter: 11 yrs
Von: Frank Rischmüller: Mein Fußball-Tagebuch

24. Spieltag der 2. Fußball-Bundesliga

SC Freiburg - 1. FC Köln


Das Vorspiel

Mein Countdown begann heute Morgen um zwanzig vor neun; Anruf von Bolz und Dymski, dem Moderatoren-Duo der "baden fm"-Morningshow. Meine Erwartungen zum Spiel und so. Das ist heute relativ einfach: Gewinnt der Sportclub gegen Köln "verteidigt" er zwar nur seinen sechsten Platz, zieht aber punktemäßig mit dem heutigen Rivalen gleich und liegt dann nur noch zwei Zähler hinter dem dritten Platz, auf dem zur Zeit Mainz steht, das zum Glück bei München 60 zwei Punkte abgegeben hat. Im Siegesfall also wäre Freiburg wieder mittendrin in der "Verlosung", wobei weiter gilt, dass nur eine Siegesserie mit drei, vier Erfolgen in Reihe eine Aufstiegschance für Freiburg wieder herstellt. Heute müssen sie allerdings damit starten, denn - darauf lege ich mich fest - wenn der SC heute gegen Köln verliert kann er die Saison knicken. Das habe ich heute Morgen auch so deutlich im Radio gesagt und mir dadurch sicher wieder Kritiker auf den Hals geholt.

Ein SC-Fan aus Merdingen hat in Form eines Leserbriefes an den WZO-Verlag, in dem die von mir redaktionell geleiteten Wochenzeitungen ReblandKurier und Wochenblatt erscheinen, letzte Woche seine Kritik geäußert. Unter anderem findet er es "unverfroren", dass ich Trainer Robin Dutt und die Mannschaft in meiner allwöchentlichen Zeitungskolumne aus seiner Sicht dafür abkanzele, dass sie momentan nicht auf einem Aufstiegsplatz ständen. Ich denke nicht, dass ich die Genannten abkanzele, aber Kritik übe ich schon. Und das hat seinen Grund.

"Wir steigen auf, wir steigen ab und zwischendurch Europa-Cup" lautet ein launiger Spruch, der die vergangenen zwei Jahrzehnte des SC Freiburg ganz gut beschreibt. Immer war irgendwas geboten: Aufstiegskampf um- oder Abstiegskampf in der 1. Liga, ja, zweimal sogar Europa-Cup. Wenn dann nach mehr als zwei Dritteln der Saison eine lange Durststrecke zu verzeichnen ist und das Ziel, um den Aufstieg mitzuspielen, langsam aber sicher außer Reichweite zu geraten scheint, dann muss man Kritik üben dürfen. Erst recht, wenn vor der Saison die komplette sportliche Leitung und ein Großteil der Mannschaft ausgetauscht wurde, um besser zu werden, wie man logischer Weise unterstellen muss. Dass Vereinsführung, Mannschaft und Trainer auch den Aufstieg wollen, steht außer Frage. Warum hätte man sonst in der Winterpause den Großeinkauf für die Offensive getätigt? Warum hätte Idrissou sonst im TV-Interview sagen sollen: "Der Trainer hat gesagt, wir brauchen dich für den Aufstieg"? Ganz klar: Die Verantwortlichen wollen den Aufstieg in die 1. Liga. Ich auch. Natürlich darf die Mannschaft knapp scheitern, ohne dass irgendwem der Kopf abgerissen wird. Aber wenn ein Mittelfeldplatz in der 2. Liga droht, dann steht in Freiburg womöglich mehr auf dem Spiel als nur die Saison. Und dann gilt es auch von Seiten der medialen Begleiter, Kritik zu üben.

Woran hapert es beim SC? An den Toren! 32 Treffer, soviel hat Jena erzielt und die steigen voraussichtlich ab. Freiburg hat auch 32 Tore geschossen. Alle Mannschaften, die vor dem Sportclub stehen haben deutlich häufiger getroffen. Das ist ein Ansatzpunkt für aktuelle Kritik. Angesichts der Qualität, die der SC im Angriff aufweisen kann, ist dem Problem aber bei zu kommen, finde ich. Aber mit Idrissou auf links? Ich glaube nicht. Den Langen sehe ich eher in der Zentrale. Mit Pitroipa zentral aus der zweiten Reihe? Ich glaube, der ist effektiver, wenn er ganz vorne und über außen agieren kann. Und mit dem offensiv starken Rechtsverteidiger Schwaab auf der linken Seite? Dort beraubt man ihn einer seiner größten Stärken - und das ist der Vorwärtsgang. Zudem könnte Jäger eine Hilfe in der Startelf sein. Im Angriff gibt es auf jeden Fall den größten Handlungsbedarf. Ich bin gespannt, wen Robin Dutt heute Abend gegen Köln stürmen lässt - und vor allem auch über welche Wege.

Ein Randaspekt des Köln-Spiels ist das Wiedersehen mit den früheren langjährigen Freiburgern "Dodo" Mohamad und Roda Antar. Seit den provozierenden und rassistischen Anfeindungen einiger Besucher im vergangenen Jahr, als die beiden noch das SC-Trikot trugen, und der nicht wirklich professionellen Reaktion der beleidigten Spieler ist das Tischtuch zwischen (kleinen) Teilen der Zuschauer und den beiden Jungs zerrissen. In Fan-Foren wird schon diskutiert, mit welchen Gehässigkeiten man den beiden heute Abend begegnen könnte. Es ist eh nur ein Randthema, aber trotzdem: Mohamad und Antar haben jahrelang für den SC gespielt. Dodo gehört in eine Reihe mit den aller besten Akteuren, die je für Freiburg gekickt haben. Antar war einst der gefeierte "Fußballgott" der SC-Fans. Auch wenn man die beiden eigenwilligen Kicker vielleicht persönlich nicht unbedingt mag, sollte man ihnen den Respekt zollen, der ihrem sportlichen Wert, den sie über Jahre hinweg für Freiburg hatten, gerecht wird.

Also auf geht's, Sportclub gegen Köln, heute Abend um 20.15 Uhr im (fast) vollen Badenovastadion. Ich übertrage das Spiel wie immer live bei "baden fm" und hoffe, dass der SC sich die Aufstiegschance zurück holt und heute gewinnt. Köln ist nicht stärker als Mainz vor zwei Wochen und da stand der SC ganz kurz vor einem Dreier. Heute solle, heute muss es gelingen. Sonst wird es nächste Woche - auch für mich - ein trauriger Oster-Ausflug ins Erzgebirge, nach Aue.

Das Fußballspiel

Endlich! Endlich wieder ein Sieg. Mit 1:0 behielt der SC die Oberhand über den 1. FC Köln - glücklich, aber nicht unverdient. Robin Dutt hatte seine Mannschaft fast so aufgestellt, als hätte er mein "Vorspiel" gelesen und meine personellen Überlegungen als schlüssig empfunden. So spielte Schwaab wieder auf der rechten Seite (Schlitte rückte dafür nach links), Idrissou rotierte von Linksaußen zwar nicht in die Zentrale, sondern auf die Bank und Jäger stand in der Startelf. Auf die Bank musste auch Pitroipa; Rückenprobleme seien Schuld, so hieß es.  So spielte der Sportclub - safety first! -  mit drei, statt wie sonst mit vier Angreifern. Ein klassisches 4-3-3, mit Aogo als zentralem, offensivem Mittelfeldmann hinter den Spitzen.

Es ging mit einem Paukenschlag los. In der dritten Minute traf die vorderste zentrale Spitze, Amir Akrout, zum vermeintlichen 1:0 in die Kölner Maschen.  Der ausgelassene Jubel der 22.500 Zuschauer erstarb jedoc h auf den Lippen, denn Schiri Markus Schmidt  entschied auf abseits - zu Unrecht, wie ich meine. Zumindest nicht im Zweifel für den Stürmer, wie eigentlich entschieden werden soll. Dann kam Köln... Binnen der ersten zehn Minuten holten die Gäste ein Eckballverhältnis von 6:0 heraus. In der 12. Minute, der Höhepunkt des Kölner Sturmlaufs: Zunächst rettete der ansonsten blasse Banovic für den geschlagenen Torhüter Langer auf der Linie. Sekunden später kommt Matip frei zum Kopfball, doch Michael Langer zeigte seine Klasse und lenkte den Ball mit einer Glanzparade um den Pfosten. Danach schlief die Partie etwas ein. Lediglich ein 16-Meter-Schuss von Kölns Nationalstürmer Helmes, der in der 37. Minute knapp am Tor vorbei ging, verdient noch Erwähnung. Der Rest spielte sich zwischen, aber nicht in den Strafräumen statt. 0:0 zur Pause.

In der 57. Minute lag das 0:1 für Köln in der Luft, doch Matip, der aus vier Metern Torentfernung mit vollem Risiko drauf hielt, verfehlte das Freiburger Tor. 60 Sekunden später spielte derselbe Spieler in der Nähe des eigenen Strafraums einen  für Köln verhängnisvollen Fehlpass. Jäger nahm die Kugel an, lief noch ein paar Schritte und hielt aus 18 Metern Torentfernung drauf. Mondragon streckte sich vergeblich - 1:0 für den SC.

In der 69. Minute setzte sich Akrout auf der rechten Seite brillant durch. Dann jedoch der Fehler des jungen Tunesiers. Statt den Ball zu dem frei stehenden Aogo zurückzulegen, versuchte Akrout aus spitzem Winkel Torhüter Mondragon zu tunneln. Das misslang. Eine riesen Möglichkeit zur Entscheidung für Freiburg war dahin. Nicht auszudenken, wenn Köln in der Schlussphase noch getroffen hätte, doch weder Nationalstürmer Helmes, noch Torjäger Novakovic - zusammen das gefährlichste Angriffsduo der Liga - konnten die glasklaren Chancen, die sich Köln noch boten, erfolgreich verwerten. Abpfiff im Badenovastadion, Jubel bricht los, der SCF ist wieder da; auch im Rennen um die Austiegsplätze. 

Das Nachspiel

Ziemlich geschafft hänge ich in den Seilen, in meinem speziellen Fall, im Sofa. Ein strammer Arbeitstag, danach das nervenaufreibende Spiel und die Liveübertragung, jetzt noch das Tagebuch. Das schafft einen ganz schön. Zwischendurch, also eben gerade,  hat mich Yoani mit einem leckeren Essen und einem fantastischen Nachtisch verwöhnt - Joghurt mit Honig, wobei der Honig aus dem Hause ihrer Eltern kommt, die tief im Inland der Dominikanischen Republik als Kleinbauern, Imker und Bastmatten-Flechter leben. Es schmeckt köstlich. Jetzt kleben zwar meine Finger ein bisschen, aber das hält meine Laptop-Tastatur aus.

Gedanklich gehe ich nochmal rüber ins Stadion. Barth und Schlitte, zwei Profis mit wenig Kredit bei einem Teil der Fans, standen in der Startelf. Nicht bei Kaiserstuhlcup in Bahlingen, sondern in der Liga gegen Köln. Und beide haben überzeugt. Barth an der Seite von Krmas gegen das vielleicht beste Angriffsduo der Liga - Helmes und Novakovic - und Rechtsfuss Schlitte als linkes Glied der Viererkette. Kompliment an die beiden. Ich finde, sie sind erst heute so richtig in Freiburg angekommen. Sie haben es allen Zweiflern und Kritikern gezeigt. Ein Stück weit auch mir, wobei ich meine heimlichen Bedenken nie öffentlich gemacht habe. Andererseits hatte mich Barth schon beim Testspiel in Zürich und auch nach seiner Einwechslung in Kaiserslautern sehr beeindruckt hatte. Hut ab, nach dem Auftritt von heute. Und Schlitte? Rechts in der Viererkette war er so etwas wie eine Notlösung, der man seine hohe Fehlerquote großzügig nachsah. Inzwischen ist der ex-Jenaer unaufgeregter, wenn er in der Startelf aufläuft. Auf links, wo er heute überraschend auftauchte, ist er keine Notlösung mehr, sondern vielleicht sogar die Lösung.

Das Spiel hätte auch unentscheiden ausgehen können, meinten Robin Dutt und sein berühmter Kölner Kollege Christoph Daum unisono. Da Köln aber unter einer alten Freiburger Krankheit litt und keine Tore aus den zahlreichen sich bietenden Chancen machte, hatte Freiburg am Ende die Nase vorn. Trotz des Sieges  hatte sich Robin Dutt schnell wieder eingefangen und obwohl er die Situation mit dem nicht anerkannten Tor aus der 3. Spielminute sicher schon im Fernsehen hatte verfolgen können, verzichtete er auf Kritik am Schiedsrichter und erklärte, von mir darauf in der Pressekonferenz angesprochen, er habe 60 Meter weit entfernt gesessen und könne nichts dazu sagen.

Hier sind meine Bewertungen der SC-Spieler am heutigen Abend: Langer spielte nicht nur zu null, sondern zeigte in ein, zwei Situationen auch absolute Klasse. Note: 2. Schlitte wurde überraschend auf der linken Seite der Viererkette aufgeboten und machte sein bisher bestes Spiel für den SC. Note: 2-3. Krmas war einmal mehr der ruhige Souverän in der Innenverteidigung. Note: 2. Barth bestand seine Feuertaufe als Startelf-Spieler in einem Heimspiel glänzend. Note: 2. Schwaab machte nach vorne deutlich mehr los als bei seinen Spielen als Linksverteidiger. Es war nicjt überragend aber absolut ok. Note: 3+. Banovic blieb unauffällig und blass. Note: 4. Uzoma zerstörte so manchen Kölner Angriff durch seinen Einsatz und seine permanente Bereitschaft, seinen Fuß auch da rein zu halten, wo es weh tun kann. Die bessere Zweikampfstatistik, die Freiburg gegenüber Köln aufweist, ist zu einem Gutteil dem Jungspund aus Nigeria zu verdanken. Note: 2. Aogo war bemüht, Linie ins Spiel zu bringen, agierte aber häufig glücklos. Note: 3. Jäger steigerte sich nach unauffälligem Beginn zum gefährlichsten Freiburger Angreifer. So war es kein Zufall mehr, dass Jäger das goldene Tor für den SC gelang. Note: 2+. Akrout hätte zum Helden des Spiels werden können. Sein frühes Führungstor aber erkannte der Schiedrichter wegen angeblicher vorheriger Abseitsstellung nicht an, bei einem anderen genialen Angriff des jungen Tunesiers war er im Abschluss viel zu eigensinnig. Dies und ein missglückter Rückpass in der Schlussphase schmälern die Leistung des Stürmers. Note: 3+. Matmour war von den drei Startelf-Stürmern der unauffälligste. Seine Auswechslung in der 72.Minute war gerechtfertigt. Note: 4+. Idrissou, Günes und Bencik wurden eingewechselt spielten aber nur 18, 7 und 1 Minute mit. Deshalb gibt es keine Note für das Trio.

Nicht auszudenken, wie fad die österliche Auswärtsfahrt ins Erzgebirge nach einer Niederlage gegen Köln gewesen wäre. Die Aufstiegschance dahin, die Stimmung am Boden, die Saison im Grunde vorbei. Jetzt sieht das ganz anders aus. Es keimt die Hoffnung auf, dass der Heimsieg gegen die starken Kölner der Anfang der benötigten Siegesserie war. In Aue kann man gewinnen. Mit spielerischer Klasse und einer positiven Zweikampfstatistik wie heute. In Aue muss  man nämlich dagegen halten. Nach dem Erfolgserlebnis von heute freue ich mich auf den Osterausflug ins Erzgebirge. Man hört sich...

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