04.12.2007 12:27 Alter: 11 yrs

14. Spieltag der 2. Bundesliga

SC Freiburg - TSV 1860 München


Das Vorspiel

Ola! Da bin ich wieder. Ich hänge zwar noch voll im Jet-Lag, diesem Gefühl, tagsüber todmüde zu sein und nachts im Bett nicht einschlafen zu können, aber ich bin hier; pünktlich zum Zweitligaschlager des SC Freiburg gegen die Münchner Löwen. Aus meinem Laptop, mit dessen Hilfe ich mein Fußballtagebuch verfasse, kommen - das Internet machts möglich - romantische dominikanische Top-Hits von "Primera FM 88.1" aus Santiago, der Heimatstadt meiner Freundin Yoani. So halte ich unsere Stimmung der letzten zehn Tage noch ein bißchen wach, verkürze scheinbar die 7.500 km Transatlantik-Flug, die zwischen uns liegen - etwas Gutes für's Gemüt. In fünf Wochen und zwei Tagen, am Neujahrstag, fliege ich wieder rüber zu Yoani und in den ewigen Sommer, bevor meine Freundin Ende Februar wieder für drei Monate zu mir nach Freiburg kommt und dann vielleicht sogar einen Bundesliga-Aufstieg hautnah mitzuerleben... Drüben in der Karibik spielt Fußball keine Rolle. Also wirklich überhaupt keine. Yoani findet unseren Nationalsport aber inzwischen entschieden spannender als Baseball, die Nr. 1 in ihrem Land. Sie hofft auch darauf, dass ich ihr nachher per Telefon wieder von "gloria victoria" berichten kann.
Während meiner Auszeit auf der Insel war es umgekehrt. Das Länderspiel gegen Zypern war völlig an mir vorbeigegangen. Da bekam ich fernmündlich Infos. Zwei Tage nach dem Spiel berichtete mir mein Spezi Andreas Eckermann per Telefon von der Poldi-Show und dem zufrieden stellenden Sieg gegen Zypern. Am Mittwoch war ich dann, bei karibischem Regen vor der Haustür, etwas aufmerksamer. Beim internationalen Sportsender "ESPN" verfolgte ich zunächst live das England-Desaster gegen Kroatien und dann, als Konserve, die 0:0-Schlaftablette gegen Wales. Fußball sei trotzdem spannender als Baseball, meinte Yoani. Na dann...
Der Sportclub ließ mich natürlich auch im Karibik-Urlaub nicht los. Schon weil ich zweimal meine wöchentliche Zeitungskolumne "SC INTEAM" für die Wochenzeitungen ReblandKurier und Wochenblatt verfassen und aus einem Internet-Café in Sosua per E-Mail an die Redaktion schicken musste. Ich war ja direkt nach dem 1:1 in Fürth per Bahn zum Frankfurter Flughafen gedüst und noch am Sonntagabend  auf die weite Reise gegangen.
In Fürth hatte der Sportclub nicht so besonders überzeugend gekickt. In der zweiten Halbzeit waren in allen Bereichen Defizite aufgetreten, die ich seit dem miesen Auftaktspiel in Osnabrück so nicht mehr gesehen und erwartet hatte. Insofern bin ich heute besonders gespannt, ob es gelungen ist, in den zurückliegenden 14 Tagen, die Abstimmungsschwierigkeiten in der Defensive und die fehlende Torgefährlichkeit im Angriff aufzuarbeiten. Gegen die Löwen - obwohl die meistens etwas überschätzt werden, vor allem im eigenen Lager - gewinnst du mit der Leistung der zweiten Hälfte vom Fürth-Spiel keinen Blumentopf. Nur gut, dass Butscher Zeit hatte, sein Wehwehchen auszukurieren und dass Matmour vorne wieder wirbeln kann. Als Alternative (aber wohl nur von der Bank) steht Ali Günes wieder zur Verfügung. Insgesamt hat der Trainer also wieder mehr Variationsmöglichkeiten als im Frankenland, was der Sache gut tun dürfte. Im eigenen Stadion, vor großer Kulisse, müsste da doch was drin sein. Sechs mal aufgelaufen, sechs mal gewonnen - der Sportclub ist zu Hause eine Macht. Wenn das heute so bleibt, wird die Position des SC auf den Aufstiegsplätzen der Liga  richtig konfortabel. Auch wegen der erneuten Punktverluste der Konkurrenz - und gegen 60 ist es ja eh ein "Sechs-Punkte-Spiel". Ich bin gespannt...
Gegen 13.35 Uhr melde ich mich heute erstmals im Rahmen der Bundesliga-Show von "106.0 Antenne".

Das Fußballspiel

Die Partie zwischen dem SC Freiburg und 1860 München wurde den hoch gesteckten Erwartungen gerecht. Das 2:2 nach 90 spannenden und hochklassigen Minuten war das Resultat eines echten Zweitliga-Spitzenspiels. Fünf feine Distanzschüsse entschieden die Partie - vier gingen ins Netz, einer prallte (leider) nur gegen den Pfosten. Die Meldungen im Einzelnen:
In der 13. Minute setzte sich Heiko Butscher über die halblinke Seite kraftvoll durch, legte sich den Ball - scheinbar - zu weit vor, erzwang aber durch eifriges Nachsetzen, dass der Ball von Butschers Schienbein zum frei stehenden Eke Uzoma prallte. Der 18-jährige A-Junior im Freiburger Profiteam zögerte kurz, verlor in der Aufregung vielleicht sogar die Übersicht, denn er übersah besser postierte Mitspieler und wurde von zwei Löwen bedrängt. Uzoma machte genau das, was Trainer Robin Dutt seinen Spielern immer wieder mit auf den Weg gibt: "Wenn ihr vor dem gegnerischen Tor die Übersicht verliert, haltet drauf, bevor ihr irgendeinen Alibipass ins Leere spielt." Eke Uzoma hielt drauf und streichelte den Ball aus 18 Metern an die Unterkante der Latte. Löwen-Keeper Hofmann war chancenlos. Ein Traumtor des Youngsters, ähnlich wie vor einigen Wochen in Köln. Uzoma - der nigerianische Facharbeiter für die besonders schönen Tore. 22.000 Fans im gut gefüllten Badenovastadion waren aus dem Häuschen. Sechs Minuten später lag die Vorentscheidung zu Gunsten der Gastgeber in der Luft: Nach der zweiten Freiburger Ecke kam der glänzend aufgelegte Banovic zu einem Distanzschuss. Aus halbrechter Position fand der Ball wie an einem Faden gezogen den Weg zum Tor und... prallte gegen den Pfosten. Nichts war es mit dem frühen 2:0.  Mit einer knappen 1:0 Führung nach temporeichen ersten 45 Minuten ging es in die Kabinen.
Neun Minuten nach Wiederbeginn folgte die kalte Dusche für den Sportclub, der sich eigentlich auf der Siegerstraße wähnte.  Der Löwe Danny Schwarz knallte den Ball aus 18 Metern und halbrechter Position ins kurze, eigentlich vom Torhüter abgedeckte Eck. Doch Alexander Walke bekam die Fäuste nicht schnell genug nach oben. "Torwartfehler" war meine spontane Reaktion in der Radioreportage. Und ich bleibe dabei, selbst wenn Robin Dutt seinem Keeper nach dem Spiel keinen der beiden Löwen-Treffer ankreiden wollte - zumindest nicht öffentlich. 1:1 in der 54. Minute. Würde der SC zurückkommen? Ja! Er kam mit einer feinen Einzelleistung von Jonathan Pitroipa zurück auf die vermeintliche Siegerstraße. Nachdem der Sportclub ab der 65. Minute das Tempo noch einmal erhöht hatte, legte Pitroipoa in der 72. Minute ein tolles Solo hin, das er mit einem platzierten Flachschuss aus etwa 16 Metern abschloss. Unten links schlug es aus Sicht von Löwen-Torwart Hofmann ein. 2:1 für den Sportclub - aber noch 18 Minuten zu spielen. Fünf Minuten vor dem Ende gab es den fünften entscheidenden Distanzschuss der Partie. Diesmal traf der kurz zuvor eingewechselte Kucukovic flach ins Tor. Unhaltbar? Da kann man drüber streiten. 2:2, der Ausgleich, das Spielende? Eine Großchance hatte der SC noch. Ein Kopfball aus aussichtsreicher Position vom aufgerückten Butscher ging knap vorbei. Abpfiff, Ende. Enttäuschung? Wenn überhaupt, dann nur über das aus Freiburger Sicht suboptimale Ergebnis. Die Leistung war klasse. Die Fans beider Mannschaften feierten nach dem Abpfiff ihre Mannschaften mit Jubel und Applaus.

Das Nachspiel

Er habe seine Mannschaft in den vergangenen Wochen und Monaten häufig nach Siegen für Fehler oder schwächere Phasen kritisiert, erklärte Robin Dutt in der Pressekonferenz nach dem 2:2 gegen die Münchener Löwen. Heute, nach der Punkteteilung in einem rasanten Spitzenspiel, könne er seiner Truppe nicht viel vorwerfen. Es sei ein hochklassiges Zweitligaspiel gewesen, meinte Dutt und "wir gehen eher mit gestärktem Selbstvertrauen aus dieser Partie heraus, als dass uns das Unentschieden zurück wirft." Dutt bedauerte den Pfostenschuss von Banovic und nahm seinen Torhüter Walke auf meine Nachfrage hin in Schutz. Angesichts des noch für Wochen nicht einsatzfähigen Karsten Nulle und Torwart-Greenhorn Solic auf der Bank ist es nur zu verständlich, dass sich der Trainer zumindest in der Öffentlichkeit  vor seinen heute - na sagen wir mal, unglücklich agierenden - Torhüter stellt.
In der Einzelbewertung bei 106.0 Antenne und natürlich auch hier gehört es sich natürlich, dass ich meine Eindrücke unverblümt und "ohne taktische Zwänge" zum Ausdruck bringe. Deshalb bekam Alex heute mit Abstand die schlechteste Bewertung  aller heute eingesetzten SC-Profis von mir. Hier das Spieltagszeugnis für  den SC nach dem insgesamt sehr ansprechenden Spitzenspiel gegen 1860 München:
Walke hatte keinen guten Tag. Beide Tore erschienen nicht  wirklich unhaltbar. Deshalb heute die Antenne-Note 5. Aogo bot insgesamt eine solide Partie, ohne Sahnestückchen abzuliefern. Etwas ungeschickt, sein Verhalten vor dem 2:2 der Löwen. Antenne-Note: 3. Butscher bewies ansteigende Form, ohne schon wieder "top" zu sein. Antenne-Note: 3+. Krmas war einmal mehr der souveräne Turm in der Schlacht. Antenne-Note: 2. Schwaab hatte die meisten Ballkontakte und bot eine bestechend starke Leistung, war auch sehr aktiv nach vorne. Antenne-Note: 2+. Banovic spielte mit hohem Einsatz, routiniert, ruhig und abgeklärt. Er ist mit seiner Erfahrung ein ganz wichtiges Element im jungen Freiburger Team. Antenne-Note: 2+. Uzoma spielte wieder klasse mit und erzielte - wie vor Wochen in Köln - ein Traumtor für den SC. Antenne-Note: 2. Mesic spielte eher unauffällig, aber keineswegs schlecht. Antenne-Note: 3. Pitroipa war im Freiburger Angriff ein ständiger Gefahrenherd und zudem Torschütze zum zwischenzeitlichen 2:1. Antenne-Note: 2+. Matmour feierte nach dem verletzungsbedingten Ausfall in Fürth und dem spielfreien Wochenende eine bärenstarke Rückkehr in den SC-Angriff. Antenne-Note: 2. Bencik arbeitete und bewegte sich viel ohne Ball; er schuf dadurch Räume für die Mitspieler. Allerdings stand Bencik deutlich im Schatten von Pitroipa und Matmour. Antenne-Note: 3. Schlitte war der einzige Spieler, der eingewechselt wurde. Der flinke ex-Jenaer hatte ein, zwei gute Szenen, bekommt aber wegen der kurzen Zeit, die er nur mitwirken konnte, keine Note.
Der Noten-Schnitt, den der SC heute erreichte, genügt im Normalfall locker für einen Zweitligasieg. Das zeigt, dass auch die Münchener Löwen stark aufspielten und dem SC alles abverlangten.
Mit voller Konzentration heißt es nun für den SC Freiburg, am kommenden Sonntag einen "Dreier" am Bieberer Berg in Offnbach zu landen. Wenn das gelingt, war das etwas unglückliche 2:2 von heute ein gewonnener Punkt. Gelingt der Sieg beim OFC nicht, wäre es das dritte sieglose SC-Spiel in Folge. Und dann kommt Spitzenreiter Mönchengladbach an die Dreisam. Fußball-Freiburg erlebt also spannende Wochen, in denen wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden. Die Mannschaft hat heute einmal mehr bewiesen, dass sie das Zeug dazu hat, in dieser zweiten Liga Großes zu erreichen. Ein Sieg in Offenbach würde das dokumentieren und unterstreichen.
Man hört sich!
Frank Rischmüller

Ich freue mich auf Ihre Meinungen und Einschätzungen im Gästebuch meiner HP www.frank-rischmueller.com.